Ein Untersuchungsbericht listet 74 Patienten auf, die nach einer Herzoperation im Unispital Zürich verstarben und in anderen Kliniken überlebt hätten. Thierry Carrel, ein namhafter Schweizer Herzchirurg, beschreibt den Bericht als «Erdbeben».
Als renommierter Herzchirurg und Professor leitete Thierry Carrel mehr als zwei Jahrzehnte lang die Abteilung für Herz- und Gefäßchirurgie am Inselspital Bern. Danach war er in führenden Positionen in Basel und Zürich tätig. Seit 2023 arbeitet er wieder als Herzchirurg im Universitätsspital Basel, wo er sich auch weiterhin der Lehre und Forschung widmet.
Im Gespräch mit SRF äußerte Carrel seine Erschütterung über den Bericht: “Der Bericht ist ein Schock für das schweizerische Gesundheitssystem. Die dargestellten Zustände sind unglaublich. Ich fühle unendliche Trauer um die verstorbenen Patienten und Wut darüber, dass es so lange gedauert hat, diese Missstände aufzudecken.”
Der Bericht geht von 75 Todesfällen aus, während Carrel die Zahl höher einschätzte: “Vergleicht man mit einer Spitzenklinik wie Bern, wäre die Anzahl der vermeidbaren Todesfälle erheblich höher. Ich ging damals von etwa 100 bis 200 Patienten aus, die in Bern vermutlich überlebt hätten.”
Zum Ausgangspunkt der Problematik meint Carrel: “Die Wahl des Klinikdirektors war problematisch, da er weder einen Facharzttitel noch eine Habilitation besaß, was eigentlich Grundvoraussetzung sein müsste. Seine Forschungsinteressen wurden überbewertet und brachten dem Ruf der Klinik keinen Vorteil.”
Carrel kritisiert auch den Einsatz von nicht zugelassenen Implantaten: “Es scheint, dass die Forschung wichtiger war als das Wohl der Patienten. Die Begründungen für Operationen dienten oft primär der Erforschung neuer Geräte statt dem Nutzen des Patienten.”
Auf die Profitabilität solcher Forschung angesprochen, sagte Carrel: “Eine Studie ist kostenintensiv, aber wenn ein Produkt den Markt erreicht, kann es sehr lukrativ sein. Beim ‘Cardioband’ wurden bei einem Firmenverkauf 700 Millionen Franken erzielt. Solche Entwicklungen sind wichtig, jedoch muss Transparenz oberste Priorität haben.”
Carrel war nicht an der Erstellung des Berichts beteiligt und wurde auch nicht befragt: “Das hat mich überrascht, da ich interimistisch die Leitung nach dem Weggang des Direktors übernahm. Es müssen gute Gründe dafür bestehen, die mir jedoch unbekannt sind.”
Zur Rückgewinnung des Vertrauens der Patienten sagt Carrel: “Vertrauen ist schneller zerstört als wiederhergestellt und benötigt Zeit, gründliche Aufarbeitung sowie persönliche Gespräche.”
Er betont die Wichtigkeit eines persönlichen Kontakts: “Ich kann mir nicht vorstellen, einen Patienten zu operieren, den ich nicht am Vortag noch einmal besucht habe. Es ist wichtig, dass der Patient seinem Chirurgen in die Augen schauen und sich von dessen Entscheidung überzeugt zeigt.”
Das Gespräch wurde von Karoline Arn geführt.
Tagesgespräch, 7.5.2026, 13 Uhr