Die steigende Verwaltungslast in der Medizin wird zunehmend kritisch gesehen. Doppelte Aufzeichnungen, unnötige Rückfragen und nicht kompatible Systeme sorgen für Frust bei Ärzten. Die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) startet nun eine Protestaktion gegen diesen Missstand. Eine Umfrage der SGAIM unter 1800 Ärztinnen, Ärzten und Praxispersonal offenbart zahlreiche administrative Aufgaben, die als überflüssig betrachtet werden. Dazu zählen das Aktualisieren von Medikationslisten, Überprüfung von Rezepten und wiederholte Erstellung von IV-Berichten trotz unveränderter klinischer Situationen. Sven Streit, Hausarzt und Professor am Institut für Hausarztmedizin der Universität Bern sowie Präsident der Nachwuchsförderungskommission der SGAIM, betont die Belastung durch Papierarbeit. «Wir sind damit beschäftigt, Dokumente auszudrucken, zu unterschreiben und zu scannen – und das im Jahr 2026», so Streit. Die Kampagne nutzt den physischen «Papiertiger»-Aufkleber auf betroffenen Papieren, um die unnötige Bürokratie sichtbar zu machen. Streit erklärt, dass es sich nicht um eine Provokation handelt, sondern als Einladung zur Reflexion dient: «Braucht es das wirklich? Dient es der Versorgung? Hat es einen Nutzen für Patientinnen und Patienten?» Jede Stunde Bürokratie sei eine verlorene Stunde für die Patientenversorgung. Streit beschreibt, wie formelle Anforderungen in Pflegeheimen den Behandlungsprozess unnötig belasten: «Obwohl niemand an der Notwendigkeit von Inkontinenzeinlagen zweifelt, müssen immer mehr Formulare ausgefüllt werden.» Die Zunahme an Dokumentationspflichten wird als systematische Absicherung und Ausdruck einer Kontrollkultur wahrgenommen, die Misstrauen fördert. Das Problem verschärft sich durch fehlende Standardisierungen bei Formularen verschiedener Versicherungen. Die SGAIM fordert mehr Interoperabilität, klare Standards sowie Delegationsmöglichkeiten und ruft zur Wiedereinführung der «Pflichtleistungsvermutung» auf. Diese Prämisse besagt, dass Behandlungen als wirksam, zweckmäßig und wirtschaftlich gelten, bis das Gegenteil bewiesen ist. Die Kampagne findet breite Unterstützung in der Branche. Yvonne Gilli von der FMH lobt die Initiative: «Die Ergebnisse bieten Einblicke in die administrative Belastung der Ärzteschaft und sollen in politische Maßnahmen zur Entlastung einfließen.» Auch Prioswiss, der Krankenversichererverband, beteiligt sich und wird sich zu Bürokratie im Gesundheitswesen äußern.