Ein neuer Bericht legt dar, dass Richard Wagners Antisemitismus lange Zeit in Luzern kaum diskutiert wurde. Besonders problematisch ist die spätere Geschichte des Museums und seiner Gründerkreise.
Der Frühling umhüllt die Tribschen-Halbinsel mit Farben, während die Stadt am Vierwaldstättersee lebendig bleibt. Unvorstellbar scheint es, dass aus dieser Idylle heraus nicht nur weltberühmte Musik entstand, sondern auch ideologischer Hass geschürt wurde.
Der gefeierte Komponist Richard Wagner (1813–1883) verbrachte hier von 1866 bis 1872 seine Zeit. Er komponierte, genoss Bewunderung und lebte mit Cosima in europäischem Rang. Doch aus dieser Idylle heraus veröffentlichte er 1869 die überarbeitete Fassung seines antisemitischen Pamphlets “Das Judenthum in der Musik”, was heute als zentrales Zeugnis seines Antisemitismus gilt. Unter heutiger Schweizer Rechtslage wäre eine solche öffentliche Herabsetzung von Juden strafrechtlich relevant.
Ein neuer Forschungsbericht, initiiert durch ein politisches Postulat der Stadt Luzern und des Richard-Wagner-Museums, untersucht, was in Luzern bekannt war und was übergangen wurde. Historiker Patrik Süess zeigt auf, dass Wagners antisemitische Äusserungen gut dokumentiert sind, doch seine Untersuchung fokussiert sich neu auf den luzernerischen Kontext.
Süess konzentriert sich auf zwei Zeiträume: die Jahre 1866 bis 1872 sowie 1933 bis 1956 – von der Museumsgründung über den Nationalsozialismus bis in die frühe Nachkriegszeit. Er stellt fest, dass während Wagners Aufenthalt seine antisemitische Schrift kaum diskutiert wurde, obwohl sie international debattiert und meist abgelehnt wurde.
Im Schweizer Raum war Wagner eher wegen seiner Rolle im Dresdner Maiaufstand von 1849 umstritten. Der Bericht schlussfolgert, dass Wagners antisemitische Gesinnung sowohl von Bekannten als auch der Öffentlichkeit stillschweigend übergangen wurde.
Interessanter wird es bei der Museumsgründung: Das Richard-Wagner-Museum öffnete 1933 seine Türen. Der damalige Stadtpräsident Jakob Zimmerli, ein Hotelier mit touristischen und kulturellen Interessen, initiierte dies. Die eigentlichen Gründer des Museums, Adolf Zinsstag und Max Fehr, teilten Wagners Antisemitismus.
Das Museum war nicht nur eine kulturelle Einrichtung, sondern eingebettet in ein Milieu von Wagner-Verehrung, rechtskonservativen Denkweisen und Antisemitismus. Bayreuth diente als politisch aufgeladenes Zentrum.
Es bleibt weiterhin zu erforschen, wie eng die Verbindungen zwischen Tribschen, der Stadt Luzern und Bayreuth waren. Der Bericht betont Forschungslücken, insbesondere im Zusammenhang mit Adolf Zinsstag.
Die Stadt Luzern und das Richard-Wagner-Museum ziehen Konsequenzen: Wagners Antisemitismus soll transparent dargestellt werden. Eine Sonderausstellung ist für 2027 geplant, und es werden pädagogische Konzepte entwickelt.
Trotz dieser Schritte bleibt die vollständige Aufarbeitung des luzernerischen Erbes offen. Der Bericht zeigt auf, dass viele Fragen noch unbeantwortet sind.