Im Anschluss an die Entscheidung des israelischen Parlaments, die Todesstrafe wieder einzuführen, äußerte sich Botschafter Tim Enderlin erstmals öffentlich zu diesem Thema. Er äußert tiefe Bedenken über den Beschluss der Knesset, da dieser eine Ausweitung der Todesstrafe darstellt und das seit 60 Jahren bestehende Moratorium beendet. Enderlin betont, dass die Diskussion in Israel noch nicht abgeschlossen sei; Gerichte, Teile der Zivilgesellschaft und politische Parteien hinterfragen den Entscheid.
Tim Enderlin leitet im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten die Abteilung Frieden und Menschenrechte. Diese Abteilung fördert den Aktionsplan zur weltweiten Abschaffung der Todesstrafe. Seit seinem Eintritt in das diplomatische Corps 1997 hatte Enderlin zahlreiche bedeutende Positionen inne, darunter als diplomatischer Berater im Bundespräsidium und Botschafter der Schweiz in Myanmar.
SRF fragte nach den Reaktionen des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten auf die israelische Entscheidung. Enderlin erklärte, dass das EDA seit 2023 diplomatische Interventionen bei Gesprächspartnern in Bern und über die Botschaft in Tel Aviv eingeleitet habe.
Hinsichtlich der Anwendung der Todesstrafe auf palästinensische Angeklagte erläuterte Enderlin, dass eine mögliche Diskriminierung sorgfältig zu analysieren sei. Die Umsetzung könnte die Einhaltung des UNO-Pakts über bürgerliche und politische Rechte durch Israel infrage stellen.
Die Schweiz ruft Israel dazu auf, seine internationalen Verpflichtungen einzuhalten. Enderlin betonte, dass jede Ausweitung der Todesstrafe weltweit als Rückschritt angesehen wird. Obwohl zwei Drittel aller Länder die Todesstrafe abgeschafft haben oder nicht mehr anwenden, steigt die Zahl der Hinrichtungen in bestimmten Regionen.
Das Gespräch führte Andreas Stüdli.
Tagesschau, 31.03.2026, 19:30 Uhr