In der heutigen Zeit entscheiden sich junge Menschen seltener für eine feste Partnerschaft oder Nachwuchs. Dies ist weniger ein Zeichen fehlenden Idealismus, sondern vielmehr die Folge einer Optimierung aller Lebensbereiche – auch Ehe und Familie sind davon betroffen.
In Europa hat die traditionelle Rolle der Ehe an Bedeutung verloren. Selbst in nichtehelichen Beziehungen etablierte sich eine Kultur relativer Unverbindlichkeit, symbolisiert durch Begriffe wie «Lebensabschnittspartner» und den «stetigen Wandel». Die Anpassungsfähigkeit an Veränderungen wird als positive Eigenschaft gepriesen, wodurch das Festhalten an etwas – sei es eine Identität oder Partnerschaft – zunehmend in Frage gestellt wird.
Letztes Jahr wurden laut Bundesamt für Statistik in der Schweiz 35.800 Ehen geschlossen, der tiefste Wert seit 1980. Deutschland verzeichnet ebenfalls den niedrigsten Stand an Eheschließungen seit 1950. Kritiker sprechen von einem Zeitalter des Narzissmus und eines «wohlstandsverwahrlosten» Individualismus, geprägt durch Konsum ohne sozialen Wert.
Diese Perspektive ist jedoch oberflächlich. Die Generation Z oder Alpha hat nicht plötzlich beschlossen, auf langfristige Verbindlichkeiten zu verzichten. Junge Menschen streben weiterhin nach höheren Aufgaben und beteiligen sich an Bewegungen für Klimaschutz, Gendergerechtigkeit und gegen Rassismus.
Die Tendenz, sich nicht festzulegen, ist weniger auf mangelnden Idealismus zurückzuführen, sondern vielmehr die logische Folge einer langjährigen Entwicklung. Die wirtschaftlich und technisch getriebene Optimierung aller Lebensbereiche, verstärkt durch digitale Entwicklungen, erzeugt Druck zur ständigen Anpassung.
Die traditionelle Sichtweise, dass Familie das Zentrum eines nützlichen Lebens sei, verliert an Bedeutung. Kinder werden als Hindernis für Selbstoptimierung wahrgenommen und oft auf später verschoben. Die Notwendigkeit lebenslanger Treue in der Ehe scheint ebenfalls zu schwinden.
Die Kultur der Selbstverwirklichung, die durch kapitalistische Gesellschaften geprägt ist, hat Menschen dazu veranlasst, sich über Karriere und Konsum zu definieren. Das klassische Ideal eines persönlichen Reifeprozesses durch Dienst an der Familie gerät in Vergessenheit.
Diese Entwicklung ist nicht als Grund für Pessimismus zu sehen. Historisch gesehen werden Kulturen mit geringer Geburtenrate von kinderreichen Gesellschaften abgelöst. Programme zur Förderung höherer Geburtenraten und offene Grenzpolitik ändern daran nichts, solange Ehe und Familie nicht wieder zentral in der Wertebildung stehen.
Wie Goethe einst sagte: «Die Ehe ist der Anfang und der Gipfel aller Kultur.» Der Westen muss sich auf seine kulturellen Wurzeln besinnen, um nachhaltige Veränderungen zu erreichen.