Freitagabend im Rotlichtviertel von Chiang Mai, der zweitgrößten Stadt Thailands. Die Stimmung ist ausgelassen und die Musik dominiert den Raum. Unter dem Trubel verteilen Aktivistinnen Süßigkeiten an ihre Kolleginnen – auch sie sind Sexarbeiterinnen. Ihre vollständigen Namen möchten sie nicht preisgeben. New, 43 Jahre alt, arbeitet seit über zwei Jahrzehnten in der Branche und hat Erfahrungen in Karaoke-Bars, Massagesalons und als Gogo-Tänzerin gesammelt. Früher war sie in einer Fabrik beschäftigt, doch der Lohn war gering. Die Sexarbeit ermöglicht ihr ein deutlich höheres Einkommen zur Unterstützung ihrer Familie. Ihre Kollegin In stammt aus dem benachbarten Myanmar und hat durch ihren Job eine Haushälterin eingestellt, die sich um ihre Kinder kümmert, und konnte ihre Großmutter in ein gutes Krankenhaus unterbringen. Sie erwarb sogar ein Auto und Land. Allerdings berichten beide auch über negative Erfahrungen mit gewalttätigen Kunden oder solchen, die ungeschützten Sex forderten. Inzwischen arbeiten sie in einer Bar, die von den Sexarbeiterinnen selbst als Kollektiv geführt wird. Die moderne Sexindustrie Thailands hat ihre Wurzeln im Vietnamkrieg, als das Land ein wichtiger Stützpunkt und Erholungsort für US-Soldaten war. Damals entstanden zahlreiche Bars in der Nähe von Militärbasen. Nach dem Truppenabzug orientierte sich die Infrastruktur am internationalen Tourismus neu. Die Sexindustrie bleibt ein bedeutender, jedoch inoffizieller Wirtschaftsfaktor innerhalb einer rechtlichen Grauzone. Die „Can Do“-Bar wird von Tanta Laowilawanyakul geleitet, bekannt als „Pingpong“. Sie ist Anfang fünfzig und kämpft mit ihrer Stiftung „Empower Foundation“ seit Jahren für eine Legalisierung. „Diese Bar behandelt ihre Mitarbeiterinnen fair. Wir halten uns an Arbeitsgesetze“, erklärt sie. Im Gegensatz zu anderen Bars gibt es hier keine Gebühren, wenn Frauen Kunden empfangen, und Bestechungsgelder werden abgewiesen. Tanta Laowilawanyakul argumentiert, Sexarbeit sei wie jede andere Arbeit. „Wenn wir Opfer sind, dann sind es die Regierungspolitiken“, meint sie. Viele Arbeiterinnen stammen aus wirtschaftlich schwachen Regionen Thailands oder benachbarter Länder. Rechtsprofessor Kitpachara Somanwawat von der Universität Chiang Mai unterstützt Tanta und kritisiert das aktuelle Verbot als Farce, die Korruption fördere. Zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Sexarbeit müsse unterschieden werden – Illegalität erschwere den Schutz der Opfer. New sieht Sexarbeit als regulären Job an, zögert jedoch, wenn sie gefragt wird, ob ihre Tochter denselben Beruf ergreifen sollte. „Gut fände ich das nicht“, gibt sie zu, aber akzeptieren würde sie die Entscheidung und könnte ihrer Tochter mit Rat zur Seite stehen.