Radwan Abdellatif musste über ein Jahrzehnt lang im Ungewissen um das Schicksal seines Bruders Samer leben, der am 5. Mai 2012 in Palmyra während eines Protestes gegen den damaligen Machthaber Assad verschwand. Ein ehemaliger Gefangener des berüchtigten Sednayah-Gefängnisses nahe Damaskus gab Ende 2012 zu Protokoll, dass Samer dort festgehalten wurde – ein Ort bekannt für Folter und Verschwindenlassen von Gefangenen. Die syrischen Behörden bestätigten jedoch nie das Schicksal von Samer. Nach Assads Sturz im Jahr 2024 unternahm Radwan Abdellatif dreimal den Weg aus seinem japanischen Exil nach Syrien, um in den unterirdischen Zellen von Sednayah Spuren seines Bruders zu finden. Er stieß jedoch lediglich auf halb verbrannte Gefängnisprotokolle – ein trauriges Bild, das er mit dem Betreten einer Grabstätte vergleicht. Die Geschichte der Abdellatif-Brüder unterstreicht die Wichtigkeit internationaler und nationaler Bemühungen zur Dokumentation und strafrechtlichen Verfolgung der während Assads Herrschaft begangenen Verbrechen. Das Regime, das 1970 mit Hafez al-Assad an Macht kam und später von dessen Sohn Bashar fortgesetzt wurde, unterdrückte jegliche abweichenden Meinungen durch einen weitreichenden Sicherheitsapparat. Die Proteste im Jahr 2011, die Freiheit und Aufklärung über das Schicksal der Vermissten forderten, wurden brutal niedergeschlagen, was zu einem bewaffneten Konflikt führte, in den ausländische Mächte verwickelt waren. Laut konservativen Schätzungen fielen mehr als 500.000 Menschen dem Krieg zum Opfer, und zwischen 2011 und 2024 verschwanden etwa 150.000 spurlos. Mit Assads Sturz im Jahr 2024 öffnete sich der Zugang zu Staatsdokumenten und Tatorten wie Massengräbern und erweckte Hoffnungen auf Aufklärung. Die neuen Machthaber Syriens kündigten Gerechtigkeit, Rechenschaft und Versöhnung an und riefen entsprechende Kommissionen ins Leben. Kritiker bemängeln jedoch die Ausklammerung der Zivilgesellschaft und den einseitigen Fokus auf die Verbrechen des ehemaligen Regimes. Internationale Bemühungen konzentrieren sich in Genf, wo Organisationen wie das IIIM (Internationaler, Unparteiischer und Unabhängiger Mechanismus) und die IIMP (Unabhängige Institution für Vermisste Personen in Syrien) angesiedelt sind. Seit 2011 haben Ermittler, Journalisten und forensische Fachleute umfangreiche Beweise gesammelt: Zeugenaussagen, Fotos von Folteropfern, Satellitenbilder und mehr, die bereits in Europa zu bedeutenden Verfahren geführt haben. Die Caesar-Akten und das Damaskus-Dossier belegen das Ausmaß der Gewalt des Assad-Regimes. IIIM-Chef Robert Petit betont gegenüber Swissinfo, dass vollständige Gerechtigkeit oft unerreichbar bleibt und viele Familien wie die von Samer Abdellatif nie erfahren werden, was mit ihren Angehörigen geschah. Um den Schmerz zu lindern, ist jedoch nicht nur Versöhnung notwendig, sondern auch Rechenschaft. Eine vollständige Neugestaltung des Justiz- und Sicherheitsapparates in Syrien ist erforderlich – eine Herausforderung angesichts der wirtschaftlichen und institutionellen Krisen. Petit betont die Priorität eines von Syrien selbst geleiteten Prozesses. Radwan Abdellatif konnte schließlich ein Dokument finden, das besagt, dass sein Bruder seit 2013 tot ist. Er drückt den Wunsch aus, dass der Verantwortliche vor Gericht gestellt wird.