Die Beziehung zwischen China und Taiwan ist seit Langem angespannt, mit zunehmenden Risiken für eine Eskalation. Auf der einen Seite steht das autoritäre China, das seine Ansprüche auf die selbstregierte Insel geltend macht und verstärkten Druck ausübt. Auf der anderen Seite befindet sich Taiwan, ein demokratischer Staat, dessen Bevölkerung weitgehend skeptisch gegenüber Peking ist.
Taiwan sieht sich seit Jahren chinesischen Militärmanövern, Cyberangriffen und gezielten Einflussnahmen ausgesetzt. Aktuell besucht die Vorsitzende der größten Oppositionspartei Taiwans, der Guomindang (KMT), die als pro-Peking gesehen wird, China. Samuel Emch, Ostasien-Korrespondent für SRF seit Sommer 2022 und zuvor Wirtschaftsredaktor bei SRF, erläutert, dass sich die Oppositionsführerin in dieser Zeit bewusst als Friedensvermittlerin darstellen will.
Solche Besuche sind selten; der letzte fand vor zehn Jahren statt. Sie markieren auch ein Treffen zwischen den ehemaligen Bürgerkriegsparteien, der Kommunistischen Partei Chinas und der KMT, die sich 1949 nach Taiwan zurückgezogen hatte. Der erste Besuch eines KMT-Parteipräsidenten erfolgte im Jahr 2005.
Cheng Li-wens politisches Ziel ist es, als Vermittlerin aufzutreten und gute Beziehungen zu Peking aufzubauen, besonders mit Blick auf die anstehenden Lokalwahlen im November sowie die Präsidentschaftswahlen 2028 in Taiwan.
Regierungskritiker werfen der KMT-Chefin vor, sich durch Peking instrumentalisieren zu lassen. Die öffentliche Meinung ist gespalten: Viele sehnen eine Entspannung zwischen Peking und Taipeh herbei, doch die Mehrheit bleibt Peking gegenüber misstrauisch. Die Einladung nach China kam persönlich von Xi Jinping.
Dieses Signal soll Friedfertigkeit bei der Vereinigung mit Taiwan zeigen, obwohl militärische Aktivitäten in der Region zunehmen. Chinesische Medien betonen die Dominanz der KMT im taiwanesischen Parlament und suggerieren eine pro-vereinigungsorientierte Mehrheit, was Umfragen widerlegen.
Die Einladung unterstützt Chengs Agenda und verleiht ihr Profil, auch wenn ihre Annäherungspolitik innerhalb der KMT umstritten ist.