Der Schrei in einem Video schreckt zutiefst auf. Noah (Name geändert) liegt verletzt neben den Gleisen, sein Bein durch einen Stromschlag von der Oberleitung schwer verbrannt. Nur knapp ist er dem Tod entronnen – ein Trend namens Trainsurfen war ihm zuvor Adrenalin und Freiheit bedeutet. «Ich habe wirklich kranken Scheiss gemacht», gesteht Noah, der heutigen Betrachtung seiner Aktionen ausweicht. Dieses Hobby wurde von ihm und Beni (Name geändert) lange genossen: «Wir warteten auf den Start des Zuges, sprangen dann auf die Kupplung hinten.» Hunderte Male riskierten sie dabei ihr Leben beim Backriding oder noch gefährlichererweise durch Trainsurfing. In diesem Jahr gab es in der Schweiz bereits mehrere tödliche Vorfälle. Im Januar kam ein 14-Jähriger in Langenthal und kurz darauf ein 17-jähriger Jugendlicher in Zofingen ums Leben, beide nach einem Stromschlag von den Oberleitungen. Anfang Februar verstarb ein 18-Jähriger zwischen Lenzburg und Beinwil am See beim Klettern auf einen Regionalzug. Beni und Noah planten ihre gefährlichen Aktionen sorgfältig, untersuchten Strecken und analysierten Zugkompositionen. Die Gefahren der Hochspannung – bis zu 15’000 Volt stark – waren ihnen bewusst, wie Bruno Gugelmann von SBB Intervention betont: Man solle mindestens zwei Meter Abstand halten. Für die SBB Intervention sind solche Einsätze tragisch und belastend. Die Organisation arbeitet mit Feuerwehr und Polizei zusammen, um den Bahnbetrieb schnell wieder sicherzustellen. Ein jüngster Vorfall ereignete sich in Lenzburg: ein Teenager erlag einem Stromschlag am Bahnhof Erstfeld. Das Schuldgefühl plagt Beni und Noah nach dem Tod eines Freundes aus ihrer Szene. Sie reflektieren über die Verantwortung für ihre Videos, welche andere zu ähnlichen Risiken anregen könnten. Eine Studie des Universitätsspitals Zürich unterstreicht, dass soziale Medien dieses Verhalten verherrlichen. Noah erlitt selbst einen Unfall im Sommer, als sein Bein ein stromführendes Bauteil berührte und ihn der Strom durchbohrte. Nach dem Vorfall musste er sich vor der Jugendanwaltschaft verantworten – ein schmerzhafter Abschluss seines gefährlichen Hobbys. Beni hingegen reagiert auf den Tod einer Freundin in Österreich mit einem klaren Appell: «Bitte hört damit auf. Setzt euer und eurer Eltern Leben nicht unnötig aufs Spiel.»