Die jüngste Festnahme eines Mitarbeiters im Bundesamt für Polizei (Fedpol) verdeutlicht die tiefgreifende Bedrohung durch organisierte Kriminalität in der Schweiz. Die Direktorin des Fedpol, Eva Wildi-Cortés, verkündete in einer Videobotschaft am Dienstag den Fall: Ein Angestellter soll geheime Informationen im Austausch gegen Geld an kriminelle Netzwerke weitergegeben haben, die im großen Drogenhandel verwickelt sind. Diese Situation zeigt auf, dass selbst der Staat nicht vor Vertrauensbrüchen durch interne Quellen gefeit ist.
Dieser Einzelfall schockiert besonders, weil er in der Schweiz einzigartig erscheint und deutlich macht, wie weit verbreitet die organisierte Kriminalität bereits im Land ist. Diese Warnung wird seit Jahren von Experten ausgesprochen. Im Januar unterstrichen sowohl Wildi-Cortés als auch Europol-Direktorin Catherine de Bolle in einem gemeinsamen Interview mit der «NZZ am Sonntag» die dringende Notwendigkeit, gegen korrupte Polizeibeamte vorzugehen. De Bolle hob hervor, dass Analysen von kriminellen Kommunikationsdaten aufzeigen, dass Beamte und Zollangestellte in den Dienst krimineller Organisationen treten.
Wildi-Cortés selbst äußerte sich besorgt über die zunehmende Präsenz gefährlicher Gruppen wie der italienischen Mafia, türkischer Netzwerke und nigerianischer Banden. Die Schweiz hat ihren Status von einem Rückzugsort zu einer Operationsbasis dieser kriminellen Gruppierungen verloren.
Die Reaktion des Staates auf diese Herausforderung bleibt jedoch hinter den Erwartungen zurück. Ein Bericht der Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft zeigt, dass Fedpol seit Jahren zu wenige Ermittler hat und bis 2035 schrittweise bis zu 200 neue Stellen geschaffen werden sollen. Die Effektivität dieser Maßnahme steht jedoch in Frage.
Zudem ist das Risiko von Spitzeln im Polizeiapparat ein wachsendes Problem. Fedpol musste sich bereits mit Vorwürfen auseinandersetzen, Ermittler seien in den Drogenhandel verwickelt gewesen. Nach einem Bericht aus dem Jahr 2018 beschuldigten drei Beamte einen bekannten Kokainhändler der Beteiligung an kriminellen Aktivitäten; eine Untersuchung ergab jedoch keine Beweise, stellte aber unangemessenen Kontakt fest. Trotz eines offiziellen Verbots hatten die Polizisten den Dealer als Informationsquelle genutzt.
Im aktuellen Fall gilt es nun für das Fedpol, zahlreiche Fragen zu klären: Welche Informationen wurden weitergegeben und wie gelangten sie an eine Drogenbande? Die verhaftete Person war beim Bundessicherheitsdienst tätig, der für den Schutz von Behörden zuständig ist. Ein möglicher öffentlicher Prozess wird die Details aufklären.