Die Schlacht von Marignano im Jahr 1515, eine der bedeutendsten Niederlagen der Schweizer Geschichte, hatte tiefgreifende Auswirkungen auf den Solothurner Söldner Urs Graf (1485–1529). Nach seinem Einsatz in dieser entscheidenden Auseinandersetzung zwischen den Eidgenossen und den Franzosen um das Herzogtum Mailand wandte sich Graf von der Darstellung kämpfender Helden ab und konzentrierte sich stattdessen auf die Abbildung von Toten und Verletzten. Diese düsteren Bilder werden als ‘grauenhaft’ beschrieben, ein Hinweis auf ein mögliches Kriegstrauma, so Katharina Ramser, Regisseurin eines Theaterprojekts am Stadttheater Solothurn.
Die Schlacht fand in den heutigen Gemeinden Marignano und Melegnano statt und war entscheidend für die schweizerische Geschichte. Ursprünglich wurde die mutige Verteidigung der Eidgenossen glorifiziert, doch die tatsächlichen Kommando- und Disziplinprobleme wurden lange übersehen. Marignanos Niederlage leitete das Ende der Expansionspolitik der Schweizer Orte ein und prägte den Mythos der schweizerischen Neutralität.
Geboren in eine Goldschmiedefamilie, erlernte Urs Graf diesen Beruf, bevor er als Reisläufer in die Kriege zog. Seine Erlebnisse verarbeitete er künstlerisch auf Glasgemälden und Kupferstichen. Nach Marignano jedoch sind nur noch Bilder von Opfern zu finden, was das Theaterorchester Biel Solothurn für ein ihm gewidmetes Stück inspirierte.
Katharina Ramser betont die zeitlose Relevanz der Auswirkungen von Kriegstraumata. Urs Grafs bekannter Kupferstich der Schlacht diente als Vorlage für Ferdinand Hodlers gleichnamiges Bild. Die Regisseurin reflektiert darüber, wie wenige Sekunden Leben unwiderruflich verändern können.
Im 16. Jahrhundert gab es keine Diagnose für PTBS, doch Graf hatte auch persönliche Konflikte mit dem Gesetz, einschließlich eines Gefängnisaufenthalts wegen häuslicher Gewalt – ein Verbrechen in seiner Zeit, das jedoch schwerwiegend war.
Das Theaterstück beleuchtet nicht nur Grafs Leben als Söldner, sondern auch die Rolle der Trosserinnen, Frauen, die den Kriegszügen folgten. Diese hatten es oft besser, im Tross zu dienen, statt als Bettlerin oder Prostituierte daheim zu bleiben.
Ramser würde gerne mehr über Graf erfahren und ist beeindruckt davon, dass viele Aspekte des Krieges bis heute unverändert geblieben sind. Das Stück ‘Urs Graf, zwischen Kunst und Krieg – ein Rechercheprojekt’ wird vom 6. Mai bis zum 30. Mai aufgeführt und kombiniert historische mit modernen Kriegserfahrungen zu einem Text-Collage-Format.