Der russische Autor Viktor Jerofejew präsentiert mit seinem neuen Roman «Die neue Barbarei» eine Fortsetzung seiner bekannten, jedoch wenig überzeugenden Theorie zur Situation in Russland. Er thematisiert die Ursachen des russischen Überfalls auf die Ukraine, bleibt dabei aber oft plump und wenig ergiebig.
Jerofejews Ansatz erinnert an Igor Strawinskys Aussage über Vivaldi: Ein einziges Thema wird immer wieder variiert. Schon 1980 beschrieb Jerofejew in «Leben mit einem Idioten» eine Diktatur, die ihre Macht aus sadistischem Vergnügen zieht – eine Allegorie auf die Sowjetunion, populär gemacht durch Schnittkes Oper.
In Werken wie «Die russische Schönheit», «Die Akimuden» und «Der grosse Gopnik» erforschte Jerofejew weiterhin Variationen dieser Thematik: Russland als prostituiertes Land, außerirdische Zombieherrscher in Moskau oder Putin als Halbstarker. Sein neuster Roman setzt diese Reihe fort und behandelt die «russische Schuld», die durch Dialoge immer wieder abgelehnt wird.
In den 140 Kapiteln von «Die neue Barbarei» glänzen einzelne Prosastücke, etwa eine humorvolle Miniatur über die Reaktionen russischer Klassiker auf den Überfall auf die Ukraine. Doch es gibt auch Tiefpunkte, wie ein vulgäres Kapitel 86.
Jerofejew erkennt seine Grenzen an und beschreibt sein Werk selbst als «Romanphantasie». Seine Erklärung für Putins Kriegsführung – Langeweile und Gleichgültigkeit der Russen gegenüber westlichen Werten – bleibt plump und unergiebig.
Jerofejews eigene Beziehung zur Macht ist komplex: Aufgewachsen in einer privilegierten Diplomatenfamilie, zerstörte er 1979 seine Vaterkarriere durch eine eigenmächtige Veröffentlichung. Er unterstützte Putin nach den Protesten von 2011/12 und emigrierte 2022 nach Berlin. In seinem Buch gesteht er ein ambivalentes Verhältnis zum Kreml ein, beschreibt sich als ewigen Provokateur.
Viktor Jerofejew: Die neue Barbarei. Romanphantasie über die russische Schuld. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2026. 448 S., Fr. 38.90.