Hans Witschi, ein Künstler bekannt für seine Darstellung des Deformierten und Verletzlichen, ist nach Jahrzehnten wieder im Gespräch. Bekannt wurde er in den 1980er Jahren durch provokative Selbstporträts, die er nackt vor dem Spiegel malte – ein kraftvolles Statement gegen gesellschaftliche Schönheitsideale. Witschi, als Baby an Polio erkrankt und von Kindheit an gehbehindert, verarbeitete seine eigene Verletzlichkeit in seinen Werken, die ihm schnell Anerkennung brachten.
Heute, mit 72 Jahren, zog er ein neues Kapitel auf: Porträts des Zürcher Regierungspräsidenten Martin Neukom. Ursprünglich beauftragt für einen Auftragsarbeitsvertrag über 20 000 Franken, führte Witschis künstlerischer Ansatz zu einem Eklat. Anstelle eines traditionellen Porträts schuf er abstrakte Darstellungen Neukoms – ein Wanderer in einer Eiswüste, einen ätherischen Schädel und eine pop-artige Figur.
Neukom lehnte die Arbeiten ab; sie entsprachen nicht seinem Wunsch nach einem frischen Wahlplakat. “Sie wollten ein Produkt, etwas Oberflächliches”, sagte Witschi über Neukoms Erwartungen an das Bild. Sein Ansatz zielte jedoch darauf ab, die verletzliche und verstörende Seite der menschlichen Existenz zu zeigen – eine Obsession mit dem Perfekten habe sich in der Gesellschaft bis heute gehalten.
Witschi wuchs im Spital aufgrund seiner Polio-Erkrankung auf und musste viele Jahre seiner Kindheit dort verbringen. Schon früh entdeckte er die Kunst als Ausdrucksform – eine Flucht aus dem Zwang, sich den gesellschaftlichen Normen anzupassen. Seine Arbeiten waren ein Protest gegen die Reduktion des Krüppels zur negativen Figur in der Kunst.
Nach seinem anfänglichen Erfolg und seiner Rolle als Provokateur zog es Witschi nach New York, um sich von den ihm zugewiesenen Rollen zu befreien. Dort lebte er zwanzig Jahre lang, bevor gesundheitliche Gründe ihn zurück in die Schweiz führten.
Seine neueste Auseinandersetzung mit dem Kunstbetrieb zeigt einmal mehr seine Haltung: Er schont sich selbst nicht und will auch andere nicht schonen. Trotz der Ablehnung seiner Arbeiten durch den Regierungsrat fühlt er sich respektiert, dass dieser konsequent bei seiner Entscheidung geblieben ist.
Die Gemälde werden zwar nicht in die Zürcher Ahnengalerie aufgenommen, aber ihre Kontroverse macht sie weithin bekannter als je zuvor. Witschi plant eine Ausstellung der Werke und eine Podiumsdiskussion – seine Kunst bleibt weiterhin ein kraftvolles Statement gegen gesellschaftliche Normen.