Am kommenden Sonntag steht eine mögliche politische Wende in Ungarn bevor. Nach 16 Jahren an der Macht steht Premier Viktor Orban unter ungewöhnlichem Druck. Sein Herausforderer Peter Magyar liegt aktuell in den Umfragen vorne, was die Europäische Union als einen Wendepunkt betrachtet. Dies berichtet SRF-Korrespondentin Judith Huber.
Judith Huber verfügt über langjährige Erfahrung im Bereich Osteuropa und war zuvor für die Ukraine als Sonderkorrespondentin sowie Auslandredaktorin tätig. Sie produzierte zudem viele Jahre die Sendung «Echo der Zeit» bei Radio SRF. Ihre Expertise erstreckt sich auf Osteuropa, Russland und andere Länder des postsowjetischen Raums, wobei sie sowohl Russisch als auch Ukrainisch spricht.
Orban hat in seiner Amtszeit die Demokratie in Ungarn nachhaltig geschwächt und intensive Beziehungen zu Russland sowie China gepflegt. Sein Vorgehen verhindert oft wichtige Entscheidungen auf EU-Ebene, was Brüssel große Sorgen bereitet. Diese Blockaden wirken häufig im Interesse Russlands und schwächen die Europäische Union.
Ein Gefühl der Ermüdung bei den Wählern besteht schon länger, jedoch mangelte es an einer überzeugenden Alternative bislang. Nun tritt Peter Magyar hervor – eine aus dem Inneren des Systems kommende Figur, die Orban herausfordern kann. Die wirtschaftliche Situation ist unbefriedigend; der erhoffte Aufschwung blieb aus und Korruption wird von vielen nicht mehr ignoriert.
Magyar war einst Teil des von Orban geführten Systems, seine Frau bekleidete das Amt der Justizministerin. Nach einem Skandal Anfang 2024 distanzierte er sich vom System und machte öffentlich gegen Korruption und Vetternwirtschaft mobil. Seine neue Rolle vereint die Unzufriedenheit vieler Ungarn.
Magyar ist wie Orban konservativ eingestellt, was ihn auch für viele langjährige Unterstützer von Orban wählbar macht. Versuche, Magyar als Linken zu diskreditieren, schlugen fehl, da er aus demselben politischen Umfeld stammt.
Trotz einer Niederlage könnte Orbans Partei die Macht behalten, da sie alle wichtigen Institutionen kontrolliert und somit geschäftsführend im Amt verbleibt. Spekulationen über eine Verfassungsänderung zur Machterhaltung von Orban als Präsident kursieren.
Das Interview führte David Karasek.
Tagesgespräch, 9.4.2026, 13:00 Uhr; srf/kardi/schemi; liea