Fast alle politischen Parteien in Indien locken Wählerinnen mit regelmässigen Geldzahlungen zur Stimmabgabe. Nach fünf Regionalwahlen dieses Jahres ist zu beobachten, dass die Beträge im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen sind.
Maren Peters berichtet seit September 2022 als Korrespondentin für Radio SRF über Südasien aus Indien, einschliesslich der Länder Afghanistan, Pakistan, Bangladesch, Sri Lanka, Nepal, Bhutan und die Malediven. Vorher war sie Wirtschaftsredaktorin bei Radio SRF mit Schwerpunkt auf internationaler Wirtschafts- und Entwicklungspolitik sowie Nachhaltigkeits- und Rohstofffragen.
Viele Jahre lang blieben Inderinnen von der Wahlbeteiligung ausgeschlossen. Parteien haben das Potenzial entdeckt und vor etwa fünf Jahren mit finanziellen Anreizen, wie freiem Busfahren oder gratis Strom sowie Geldgeschenken zum Wählen begonnen. Diese Strategie hat Erfolg gezeigt: In einigen nationalen und regionalen Wahlen übersteigt die Beteiligung der Frauen nun jene der Männer. Dadurch erhalten fast 120 Millionen Inderinnen faktisch ein bedingungsloses Grundeinkommen.
Die Höhe dieser Zahlungen variiert je nach Bundesstaat. Gemäss dem Magazin “Economist” zahlen mindestens 16 indische Bundesstaaten armen Wählerinnen regelmässig und ohne Bedingungen Geld auf ihr Konto, wobei die Beträge zwischen monatlich 800 und 2500 Rupien liegen (umgerechnet etwa 6.60 bis 20.60 Schweizer Franken). Die Höhe hängt von Alter, Familienstand oder Einkommen ab.
In Indien liegt das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen pro Jahr bei knapp 2100 Franken. Nur ein Drittel der Frauen ist berufstätig; die Mehrheit sind Hausfrauen. Für diese Frauen sind auch geringe, regelmässige Zahlungen bedeutsam. Studien zeigen, dass sie dank dieser Beträge besseres Essen kaufen können und ihre Stellung in der Familie sowie ihre mentale Gesundheit sich verbessert.
Einige Beobachter betrachten diese Geldgeschenke als Form von Bestechung. Besonders kontrovers war die Kritik bei den Wahlen im letzten Jahr in Bihar, dem ärmsten Bundesstaat Indiens. Die Regierungspartei BJP und ihre Verbündeten überwiesen Millionen von Wählerinnen kurz vor der Wahl umgerechnet 82 Franken und sicherten sich den Wahlsieg. Zudem sind die finanziellen Belastungen für die Staatsbudgets hoch; bis zu zwölf Prozent der Ausgaben einiger Bundesstaaten gehen an bedingungslose Zahlungen an Frauen, wobei dieser Anteil steigt.
Echo der Zeit, 7.5.2026, 18 Uhr