Die amerikanische Pulitzer-Preisträgerin Elizabeth Strout kehrt in ihrem neuesten Werk «Erzähl mir alles» nach Maine zurück und erzählt die Schwere auf eine unbeschwerte Weise. Ihre Erzählwelten sind beruhigend, da sie ihre Romanfiguren in einem dichten Gewebe von Geschichten miteinander verbindet. Zuletzt hat Strout Lucy Barton, eine Schriftstellerin in ihren Sechzigern, zum vierten Mal porträtiert.
Pläne für eine Lesereise nach Europa wurden durch die Corona-Pandemie vereitelt. Auf Williams Rat, eines parasitologisch interessierten Ex-Mannes, verliessen sie New York und zogen nach Crosby in Maine, wo das Leben ruhiger ist: «Die langjährigen Bewohner tragen unbewusst die Schönheit dieses Ortes in sich; es dringt ein, ohne dass man es merkt. Aber sie ist da; sie prägt ihr Leben.»
Nach der Pandemie bleiben William und Lucy in Crosby – hier beginnt «Erzähl mir alles». Sie treffen alte Bekannte wie den mit einer Pastorin verheirateten Anwalt Bob Burgess und die warmherzige, aber knorrige pensionierte Lehrerin Olive Kitteridge. In dieser Seniorenresidenz lebend, reflektieren sie über ihr Leben.
Das kleinstädtische Leben bleibt von aufregenden Ereignissen unberührt abgesehen von einem Leichenfund. Die kleinen Geschichten sind es, die erzählenswert werden. Lucy und Bob gehen am Strand spazieren, um ihre Leben zu besprechen, während Olive sehnsüchtig auf Lucys Besuche wartet.
Elizabeth Strout, kürzlich mit dem Siegfried-Lenz-Preis ausgezeichnet, zeichnet sich durch die Darstellung von Menschen in Grenzsituationen aus. Ihre Figuren sind «gebrochene Menschen», geplagt von der Vergangenheit und oft von Einsamkeit geprägt.
Lucy zweifelt an ihrer Kinderliebe; Bob sinniert über seinen möglichen Anteil am tödlichen Autounfall seines Vaters. Missbrauchsfälle kommen ans Licht, und Olive denkt an den Selbstmord ihres Vaters: «Mit siebenundfünfzig nahm er eine Schrotflinte und erschoss sich.»
Nichts ist beständig; das Vergangene wirkt weiterhin nach. Bob fühlt sich Lucys Nähe zunehmend verbunden, was ihn zu der Frage bringt, ob ein neues Leben im fortgeschrittenen Alter möglich sei.
Bob versteht seine Spaziergänge bisher als «Auszeit vom Leben», aber die Realität seiner Gefühle fordert mehr. Pams hilfloses Fazit «Was für ein Schlamassel überall» beschreibt viele Strouts Figuren, mit Olive Kitteridge als Ausnahme.
Betagt und bodenständig lässt sich Olive nicht beeindrucken. Als Lucy die Geschichte einer jungen Krebsopferin erzählt, fragt sie: «Was für einen Sinn hatte ihr Leben?» Olive antwortet pragmatisch: «Henry und ich glaubten immer, der Sinn des Lebens liegt in harter Arbeit und im Helfen Anderer. Und das haben wir getan.”
«Erzähl mir alles» ist ein warmherziges Buch ohne Sentimentalität, das Elizabeth Strouts ganze Erzählkunst vereint. Ihre souveräne, leichte Erzählweise wird besonders in Sätzen wie «Um Pam stand es folgendermassen» deutlich. Solch eine Freiheit im Ausdruck ist typisch für Strout.
Elizabeth Strout: Erzähl mir alles. Roman. Deutsch von Sabine Roth. Luchterhand-Verlag, München 2026. 397 S., Fr. 37.90.