Edward Hurme, ein Fledermausforscher, beobachtet besorgt einen Abendsegler, der aus dem Blickfeld entkommt. Auf einer Leiter steht er und wendet sich dann einem Fledermauskasten zu. Mit blauen Plastikhandschuhen nimmt er die Tiere heraus, um sie später untersuchen und mit Sendern versehen zu können. Diese Abendseglerarten sind in der Schweiz häufig anzutreffen, doch viele von ihnen fallen Windkraftanlagen zum Opfer.
Das Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie aus Konstanz erforscht das Zugverhalten dieser Tiere mit Unterstützung von Franziska Heeb, langjährige Leiterin des Fledermausschutzes im Thurgau. Sie ist fasziniert vom Wanderverhalten der Abendsegler: “Sie reisen bis zu 1000 Kilometer in den Nordosten zur Brut, doch warum genau sie das tun, bleibt rätselhaft.” Seit 2022 nutzt Hurme kleine elektronische Sender, um festzustellen, dass die Männchen in der Schweiz bleiben, während trächtige Weibchen weiterziehen.
Im Sommer kehren die Tiere mit ihren Jungen zurück. Die neuen Sender erlauben es den Forschern, tiefere Einblicke in das Zugverhalten zu gewinnen. Auf diesen Reisen sterben jedoch viele Fledermäuse, besonders beim Rückflug. “Jedes Jahr werden pro Windrad mindestens zehn Fledermäuse getötet”, sagt Hurme.
Olivier Waldvogel von Suisse Eole widerspricht mit Zahlen aus jüngsten Studien am Windpark St. Croix im Waadtländer Jura: Dort wurden pro Turbine und Jahr durchschnittlich zwei bis drei tote Fledermäuse und Vögel gefunden, was als vereinbar mit Vogel- und Fledermausschutz gilt.
Christian Voigt vom Leibniz-Institut in Berlin bestätigt, dass bei neuen Turbinen die Schlagopferzahl auf unter zwei pro Jahr gesunken ist. Das liegt an Betriebsauflagen, doch viele ältere Anlagen sind davon nicht betroffen. In Deutschland sterben jährlich noch etwa 72’000 Grosse und 11’000 Kleine Abendsegler in Windrädern.
Es gibt Technologien zur Kollisionsvermeidung, die jedoch kleinere Tiere nicht erfassen können. Eine fortschrittliche Radaranlage am Gotthard erkennt kleine Zugvögel und stoppt Anlagen bei hohem Risiko. Doch Waldvogel betont, dass der Einsatz solcher Systeme ökonomisch sinnvoll sein muss.
Wildtierforscher Voigt plädiert für mehr Engagement seitens der Windkraftbetreiber, um Fledermaussterben zu minimieren. Die Platzierung der Anlagen spielt eine entscheidende Rolle: ungünstig gelegene Räder können hohe Opferzahlen verursachen.
Die fünf trächtigen Weibchen im Thurgau werden vermessen und mit Sendern versehen, um ihre Flugrouten zu verfolgen. “Sie kehren immer an den gleichen Ort zurück”, erklärt Hurme.
Franziska Heeb lacht, während sie einem Abendseglerweibchen einen Mehlwurm vorsetzt: “Deine Nationalität ist noch nicht festgelegt, oder?” Die Forschung zeigt, dass viele Schweizer Fledermäuse eigentlich aus dem Ausland stammen.
Radio SRF 1, Rendez-vous, 30.4.2026, 12:30 Uhr; liea