Die Schweiz steht vor einer Herausforderung: Statt auf Innovation zu setzen, konzentriert sich das Land zunehmend auf Risikovermeidung. Dies führt dazu, dass Arbeitnehmer oft als Fachmenschen ohne Geist wahrgenommen werden. Die aktuelle Misere ist dabei hausgemacht.
Bundesrat Beat Jans illustriert die Problematik: Sollte im Juni das Ja zur Nachhaltigkeitsinitiative der SVP erfolgen, müsste beispielsweise das Basler Unispital geschlossen werden. Die Botschaft ist klar: Eine begrenzte Zuwanderung gefährdet nicht nur den Wohlstand, sondern auch die Gesundheit.
In diesem Abstimmungskampf spielt Jans hart auf. Rudolf Strahm von der SP spricht gar von beidseitigem “rhetorischem Tieffliegen” in dieser Debatte. Der Fachkräftemangel ist jedoch ein komplexes Thema, wie das Gesundheitswesen zeigt: Die Personenfreizügigkeit hat dazu geführt, dass die Ausbildung im Inland zurückgefahren wurde – etwa durch den Numerus clausus. Ausländische Ärzte und Pflegekräfte sind nicht nur verfügbar, sondern auch preiswerter.
Der Ökonom Mathias Binswanger fasst zusammen: “Die Zuwanderung lindert den Fachkräftemangel nicht – sie hält die Löhne niedrig.” Dieses Muster zeigt sich in anderen Branchen mit Fachkräftebedarf, wie den Mint-Berufen. Die fehlende Anreizsetzung führt dazu, dass Unternehmen die Geschäftsaktivitäten ins Ausland verlagern können.
Für viele Arbeitnehmer besteht wenig Grund, das System zu ändern: Wer sich für mehr Freizeit statt höheren Lohn entscheidet, profitiert. Eine frühere Pensionierung kann finanziell vorteilhaft sein, wenn man bedenkt, dass eine Verlängerung des Arbeitslebens nur bis über 86 Jahre sinnvoll ist.
Pensionierte stoßen auf dem Arbeitsmarkt oft auf Ablehnung: Sie gelten als zu unflexibel und teuer. Der Fachkräftemangel kann daher nicht allein auf die Babyboomer-Frührentner geschoben werden, die häufig in großen Wohnungen bleiben wollen.
Trotzdem arbeiten Schweizer im Durchschnitt mehr Stunden als Deutsche – ein Zeichen für Fleiß, aber auch Trägheit. Viele sind in gut bezahlten Tätigkeiten beim Staat oder in der Privatwirtschaft beschäftigt, wo sie oft “Bullshit-Jobs” ausüben. Diese werden von Binswanger als “Fachmenschen ohne Geist” bezeichnet und signalisieren eine Scheinleistungsgesellschaft.
Die Schweiz ist auf Einwanderer angewiesen, aber die aktuell hohen Zuwanderungszahlen sind nicht zwingend notwendig. Mit weniger wäre das Land dennoch handlungsfähig. Dafür müsste jedoch erkannt werden, dass allein die Verwaltung des Wohlstands nicht ausreicht. Möglichkeiten zur Korrektur bestehen: höheres Rentenalter, Entbürokratisierung und weniger Akademisierung könnten helfen.
Diese Maßnahmen wären zwar unpopulär, aber sie würden dem gesellschaftlichen Gefüge zugutekommen und eine Bevölkerungsdeckelung unnötig machen.