In westlichen Exilkreisen sind kritische Äußerungen zum Zustand Chinas selten geworden, da Xis Regime der Einschüchterung auch im Ausland wirkt. Doch der Dichter Yang Lian spricht unverhohlen Klartext.
Heutzutage assoziiert man China mit Autokratie und aggressiver Handelspolitik, dem ehrgeizigen Seidenstrassen-Projekt sowie Drohungen gegen Taiwan. Als ambitionierter Akteur auf der globalen Bühne strebt es nach einer neuen Weltordnung.
Wie kann ein Dichter mit so einem Riesen fertig werden? Der in Peking geborene Exilchinese Yang Lian, dessen Vater Diplomat war und der 1955 in Bern zur Welt kam, nutzt seine internationale Bekanntheit, die er seit den Achtzigern errungen hat. Obwohl er das Tiananmen-Massaker in Neuseeland erlebte, löste es bei ihm Entrüstung und einen inneren Bruch aus, der ihn zum Exildichter machte.
Yang Lian hat mehr als ein Dutzend Gedichtbände veröffentlicht, die international Anerkennung fanden und in viele Sprachen übersetzt wurden. In Deutschland erregten besonders «Aufzeichnungen eines glückseligen Dämons» (2009) und das Poem «Konzentrische Kreise» (2013) sowie seine Essays Aufmerksamkeit. Seine Werke erscheinen unzensiert nur in Taiwan. Seit der Niederschlagung der Hongkonger Demokratiebewegung 2019 besucht er die Volksrepublik nicht mehr und kritisiert Xi Jinpings Politik zunehmend.
In «Im Einklang mit dem Tod» widmet sich Yang Lian nicht nur politischen Themen, sondern reflektiert auch über klassische chinesische Gedichte, Charakteristiken der chinesischen Sprache und die Rolle des Exildichters. Er kritisiert den blinden Glauben an eine «Modernisierung», die Kunst wie Kommunismus beeinträchtigt, sowie oppositionelle Schriftsteller, die sich Politik und Markt untergeordnet haben.
Yang Lian vertritt das Prinzip der künstlerischen Autarkie und Kompromisslosigkeit. Er kritisiert die staatliche Doktrin, chinesische Traditionen mit westlichen Einflüssen zu vermischen, während China den Respekt vor Privateigentum neu erlernen muss.
Von London und Berlin aus beobachtet Yang Lian sein Land mit Argusaugen: Er verurteilt die Tragödie der Kulturrevolution und das heutige China wegen fehlender Selbstreflexion. Die grassierende Repression, Medienkontrolle und politische Stagnation lassen ihn pessimistisch in die Zukunft blicken.
Yang Lian setzt sich mit mutigen Essays und seiner Dichtung gegen diese Tendenzen zur Wehr. Seine einzigartige Sprache – «Yanglisch» genannt – unterläuft herkömmliche Konventionen, um westlichen Erwartungen zu entkommen und die eigene Identität zu bewahren.
Er arbeitet an Gedichten mit politischen und psychologischen Bedeutungsschichten. Seine jüngsten Essays thematisieren globale Krisen wie den russisch-ukrainischen Konflikt und verurteilen den Zusammenschluss zwischen Russland und China. Angesichts globaler Konflikte fordert er dazu auf, beim Denken alle Höflichkeit abzulegen.
Yang Lian: Im Einklang mit dem Tod. Essaysammlung. Aus dem Chinesischen und Englischen von Karin Betz, Frank Berberich, Michael Bischoff, Otto Freund, Wolfgang Kubin, Mark Renné, Jan Wagner. Palm Art Press, Berlin 2025. 247 S., Fr. 37.90.