Die Zahl der Kuriere in China beläuft sich auf rund zehn Millionen. Vor allem junge Männer ohne formale Ausbildung sehen im Kurierjob ihre letzte Arbeitsmöglichkeit. Einer davon ist Wen Ji, ein 22-jähriger aus Longnan, einer armen Provinzstadt in Gansu. In Peking, wo er seit 2024 als Kurier für Meituan unterwegs ist, gehört der Anblick von Fahrern in gelben Jacken zum Stadtbild wie Elektroautos und Imbissstände.
Die jungen Männer fahren auf ihren E-Scootern mit hoher Geschwindigkeit durch die Straßen und liefern Speisen – vom gebratenen Nudelgericht bis hin zu Sushi. Ihre Jacken tragen das Logo der Lieferplattform, für die sie arbeiten. Wen Ji hat sich in Peking eine Existenz aufgebaut, obwohl er nicht mehr als einen freien Tag pro Woche genießt.
Während eines warmen Aprilmittags ruht er sich vor einem Einkaufszentrum aus und spricht über sein schwankendes Einkommen. Bei Regenwetter verdient er durch die höhere Vergütung der Plattform mehr, im Durchschnitt sind es 300 Yuan pro Tag. Obwohl Peking teuer ist, zahlt er 2000 Yuan für ein Zimmer, das er sich mit zwei anderen Fahrern teilt, und gibt täglich 50 bis 100 Yuan für Lebensmittel aus.
Obwohl Wen Ji gelegentlich etwas sparen kann, arbeitet er zwischen acht und zehn Stunden, um täglich 20 bis 25 Bestellungen zu erledigen. Die Freizeit verbringt er meist am Handy; eine Freundin hat er nicht, da ihm die Zeit fehlt.
Für Wen Ji ist es möglich, mehr Geld zu verdienen, indem er länger arbeitet – manche Kollegen bringen bis zu 18.000 Yuan im Monat ein, kostenintensiv durch zwanzigstündige Arbeitszeiten. Schnelligkeit und Risiken gehören in dieser Branche dazu: Gutverdiener sind oft diejenigen, die ihre Geschwindigkeitsgrenzen ignorieren.
Trotz Regulierungsvorgaben zur Überarbeitung sind Risiken wie tödliche Unfälle nicht auszuschließen. Wen Ji ist sich unsicher über seine Sozialversicherungsansprüche, obwohl Meituan angeblich nach zwölf Arbeitsstunden einen Ausloggen des Systems vornimmt.
Die Essenslieferindustrie in China wird von drei Großunternehmen dominiert: Meituan, JD.com und Eleme. Im vergangenen Jahr führte ein gnadenloser Preiskampf zu massiven Rabatten, die Restaurants belasteten.
Wen Ji ist unentschlossen, wie lange er noch als Kurier arbeiten wird. Die Belastung durch Wetterextreme treibt ihn zur Überlegung eines Jobwechsels, doch ohne Schulabschluss bleibt ihm kaum eine Alternative. Seine Familie in Peking kommt finanziell über die Runden – ein kleiner Trost im Vergleich zu seinem Geburtsort Gansu.