“Satanisten und Ungläubige” – so wurden sie genannt, erinnert sich Ljuba, eine Mutter im Gesundheitswesen. Ihr Engagement galt dem Schutz eines Quartierparks in ihrem Moskauer Wohnviertel Perowo vor einem Bauprojekt, das ihn einer Kirche opfern sollte. Der Park dient als wichtige Erholungsfläche für Kinder und Hundebesitzer, doch eine orthodoxe Kirche soll nun darauf entstehen.
“Das ist unsere Lunge”, betont Ljuba während eines Spaziergangs durch den schneeverwehten Winterpark. Direkt neben einem Mahnmal für gefallene Soldaten des sowjetischen Afghanistan-Krieges zeigt sich bereits der Betonskelett einer Kirche hinter einem Zaun.
Obwohl die Anwohner und Veteranen, denen das Gedenken wichtig ist, gegen diese Entwicklung sind, wurden sie nicht konsultiert. Der Bau gehört zu einem Projekt der Moskauer Stadtbehörden und der russisch-orthodoxen Kirche, um 200 neue Gebetsstätten zu errichten.
Die russisch-orthodoxe Kirche unterstützt laut Patriarch Kirill die Kremlpolitik im Kontext des russischen Nationalismus. Ljuba beschreibt die ungleiche Machtverteilung: Dennoch wehrten sich die Anwohner juristisch und mit Protesten.
Diese wurden jedoch von orthodoxen Aktivisten als Satanisten verspottet. Trotzdem gelang es ihnen, den Bau jahrelang hinauszuzögern; eine ältere Frau stellte sich sogar einem Bulldozer entgegen.
Mit der russischen Invasion in die Ukraine änderte sich alles: Die Kirche wurde nun den Soldaten der “Spezialoperation” gewidmet. Ljuba erklärt: “Wenn du gegen die neue Kirche bist, bist du gegen die Spezialoperation und damit gegen Putin.” Sie spricht dessen Namen nicht aus.
Ljuba betont, dass im Christentum Vergebung statt Krieg stehe, doch die Operation sei keine Verteidigung. Der Streit um den Park in Perowo sei jedoch mehr als ein Symbol für den Ukraine-Krieg: Auch viele Afghanistan-Veteranen unterstützten diesen, lehnten aber den Kirchenbau ab.
Der Protest ist nun verstummt; die Menschen sind müde und ihre Möglichkeiten erschöpft. In Russland wird Widerstand nahezu unmöglich, nicht nur gegen den Krieg, sondern selbst bei lokalen Anliegen. Der Druck durch den Patriarchen und städtische Behörden ist zu stark.
Echo der Zeit, 16.3.2026, 18 Uhr