Am Ende März veröffentlichte der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer die Nationale Handelsprognose. Der Bericht, über 500 Seiten umfassend, beleuchtet den internationalen Handel der USA und benennt bestehende Hindernisse für US-Exporteure. Fünf Seiten widmen sich dabei spezifisch der Schweizer Wirtschaft.
Hans Gersbach, Co-Direktor des Konjunkturforschungsinstituts KOF an der ETH Zürich und Professor für Makroökonomie, Innovation und Politik, wurde von SRF News nach den Vorwürfen gegen die Schweiz befragt. Die USA werfen der Schweiz in dem Bericht unfaire Handelspraktiken vor. Gersbach kommentiert: “Die Behauptung, dass die Schweiz unfaire Praktiken anwendet, ist eine Zuspitzung. Im Industriesektor ist sie sehr offen und nicht protektionistisch, schützt aber landwirtschaftliche Interessen relativ stark.”
Im Bereich der Landwirtschaft setze die Schweiz durch Zölle, Importkontingente und strenge Standards ein Schutzsystem um, das bei den USA, einem Agrarexportland, auf Widerstand stößt. Die Kritik konzentriert sich vor allem auf nichttarifäre Handelshemmnisse. Gersbach räumt ein: “Die USA haben einen Punkt, wenn sie solche Barrieren ansprechen. Ihre Forderung nach mehr Öffnung im Agrarsektor ist aus ihrer Sicht nachvollziehbar. Die Schweiz kann diese Schutzmaßnahmen jedoch beibehalten, sofern sie mit den WTO-Regeln konform sind und nicht übermäßig restriktiv angewandt werden.”
Das Gentechnik-Moratorium der Schweiz wird ebenfalls als nichttarifäres Handelshemmnis betrachtet. Dieses Moratorium, das gentechnische Veränderungen in Pflanzen und Tieren stark einschränkt, bewegt sich laut Gersbach möglicherweise im Graubereich der WTO-Regeln.
US-Kritik richtet sich zudem gegen die restriktiven Maßnahmen des Gentechnik-Moratoriums, die den Marktzugang behindern könnten. Tatsächlich hat die Schweiz nur ein biotechnologisches Sojaprodukt und drei Maisprodukte für Lebens- und Futtermittel genehmigt.
Die sogenannte “Lex Netflix” wird als weiteres nichttarifäres Handelshemmnis angesehen, da sie Streamingdienste zu Investitionen in das Schweizer Filmschaffen verpflichtet. Ab Januar 2024 müssen ausländische Dienste vier Prozent ihres Bruttojahresumsatzes in der Schweiz für die Filmbranche investieren und 30 Prozent ihrer Angebote mit europäischen Filmen bestücken.
Gersbach erkennt an, dass der Druck auf die Schweiz insbesondere im Agrarsektor hoch ist. In Zeiten großer Zoll- und Handelsverhandlungen mit den USA könnte dieser Druck eine signifikante Rolle spielen. Trotz vergangener WTO-Klagen könnten sich aktuelle Herausforderungen relativ einfach lösen lassen.
Marco Schnurrenberger führte das Interview für 10vor10 am 30.04.2026 um 21:50 Uhr.