In Moskau verschärft sich das Leben durch verstärkten Sicherheitswahn, Repression und Inflation. Der Unmut gegenüber den Behörden wächst, doch offene Proteste bleiben aus, da niemand sein Leben gefährden möchte. Zugleich dringt der Krieg allmählich in die Stadt ein. An der U-Bahn-Station Ochotny Rjad steige ich aus, nur wenige hundert Meter vom Kreml entfernt. Dort liegt das berühmte Hotel National sowie das Ritz-Carlton. Direkt gegenüber steht das russische Parlament, und entlang der Twerskaja-Straße sind Polizeieinheiten stationiert – ein deutliches Zeichen für den bevorstehenden Besuch der höchsten Führung. Vor meinen Augen wird die Straße gesperrt. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, als der Verkehr nur kurz unterbrochen wurde, wenn Breschnew unterwegs war, dauert diese Sperrung mehrere Stunden an und paralysiert Moskau vollständig. In den Seitenstraßen stehen Polizisten bereit, was das Gefühl einer belagerten Stadt verstärkt. Der Einfluss der Macht hat zugenommen; die Rechtfertigung lautet stets «Sicherheit». Dabei ist klar, wessen Sicherheit gemeint ist. Kürzlich sprach Putin auf einem «Forum für neue Technologien» über Bioökonomie und Lebensqualität – ein Hinweis darauf, dass Autokraten sich als Gipfel der Schöpfung betrachten. Die Straßensperren koinzidieren mit Blockaden von Messaging-Apps und dem Internet, was den Eindruck einer Besetzung verstärkt. Politisch Interessierte diskutierten über den Nervenzusammenbruch eines Kritikers, der Putin öffentlich anprangerte. Die Stadtmitte ist in Aufruhr: Menschen tauschen sich über VPN und Umgehungsstrategien für Sperren aus, während die Unzufriedenheit mit den Behörden wächst. Doch Proteste bleiben aus – niemand möchte sein Leben riskieren. Wegsperren, verstärkte Polizeikontrollen sowie Ausrüstung für elektronische Kriegsführung prägen das Bild. Flughafenschließungen und blockierte Kommunikationskanäle sind alltäglich, ebenso wie Berichte über abgeschossene Drohnen. Nur wenige, die an den Kremlmauern stehen und Putin mehr Macht wünschen, scheinen in dieser Dystopie zufrieden. Die übrigen Moskauer klagen über die Rückkehr zu Barzahlungen und steigende Steuerlasten, die viele Unternehmen ins Abseits drängen. In Buchhandlungen wird absurd: Bücher mit Erwähnung von «Drogen» tragen Warnhinweise. KI markiert nun auch verbotene Themen wie Kinderlosigkeit und Selbstmord – Orwell wäre neidisch. In einem zentralen Bistro diskutieren wir leise über die Lage, da liberale Ansichten Gefahr bedeuten. Nina Chruschtschowa wurde kürzlich zur «ausländischen Agentin» erklärt, was ihre Biografie über Nikita Chruschtschow aus den Geschäften verschwinden ließ. Moskau passt sich an: Weniger Geschäfte und höhere Preise sind die Realität. Ein VPN bietet manchmal Schutz vor Internetproblemen. Die Russen, die in Angst und Depression verfallen, gewöhnen sich allmählich an das Unglück. Der Krieg manifestiert sich durch Angriffe auf strategische Ölanlagen. Die Sicherheitsrhetorik zielt nicht auf den Schutz der Bevölkerung ab. Selbst Schulkinder verstehen die eigentliche Bedrohung. Trotz Internetsperren wächst das Bewusstsein, dass die Probleme mit dem Krieg zusammenhängen. Putins Zustimmungsrate sinkt langsam, aber stetig. Andrei Kolesnikow ist Journalist und Buchautor in Moskau, der für «The New Times» und «Nowaja Gaseta» schreibt.