Vor zehn Jahren war Kunst in Saudi-Arabien als „haram“, also verboten, angesehen. Die Diriyah-Biennale für Gegenwartskunst erlaubt einen Blick auf die rasante Entwicklung der Kunst am Golf. In Riad, einer Metropole mit sieben Millionen Einwohnern inmitten der Wüste, reicht das Paradies nicht aus. Bei Abdulnasser Gharem, dem umstrittensten Künstler des Landes, begrüßt ein Gemälde namens „Das achte Paradies“ den Besucher. Auf die Frage nach seiner Wahl antwortet er mit einem schmalen Lächeln: „Warum nicht? Als Künstler müssen wir ständig Neuland entdecken.“ Gharem, bekannt als Dissident des Landes, hat durch sein Werk „The Safe“ auf der Art Basel 2019 die saudische Regierung und Kronprinz Mohammed bin Salman kritisiert. Das Kunstwerk thematisiert den Mord an Jamal Khashoggi im Jahr 2018. Gharem sieht sich seitdem mit Racheakten des Monarchen konfrontiert, hat aber seine Unabhängigkeit bewahrt. In seiner Werkstatt strahlen der Vollmond und die umgebenden Palmen Frieden aus. Trotz Repressionen bleibt er seinem Sarkasmus treu: „Immerhin bleibt uns ja noch das Paradies.“ Viele Saudis hingegen sehen sich mit wirtschaftlichen Problemen konfrontiert, während sie von den Vorteilen der Öleinnahmen weitgehend ausgeschlossen bleiben. Ahmed Mater, ein Arzt und Künstler, thematisierte in seinen Werken die negativen Auswirkungen des Ölreichtums auf saudische Werte. Zusammen mit anderen Künstlern wie Manal Al Dowayan gründete er Edge of Arabia und initiierte 2012 eine bahnbrechende Ausstellung in Jidda, trotz der drohenden Gefahr durch die Religionspolizei. Mohammed bin Salman nutzte später Kunst als Soft Power, um das Land international zu repräsentieren. Ahmed Mater, einst Star von Edge of Arabia, wurde sogar Vorsitzender einer vom Kulturministerium unterstützten Kunstinstitution, bevor er sich wieder der freien Kunst widmete. Seit 2010 ist die Rede vom „saudischen Kunstwunder“, das internationale Anerkennung fand. Die Diriyah-Biennale in Riad setzt diese Tradition fort und fördert den Dialog zwischen Saudi-Arabien und der Welt. Sabih Ahmed, künstlerischer Leiter der Biennale, betont die Bedeutung des interkulturellen Austauschs für zukunftsweisende Kunstentwicklungen. Unter dem Titel „In Interludes and Transitions“ wird das Erbe der arabischen Kultur erforscht und neu interpretiert.