Kurz bevor er illegal nach Peking reiste, machte Patrick Fischer eine öffentliche Rede zur Ehrlichkeit – was bleibt von diesem unangepassten Trainer? Anfangs eines Interviews zitierte er Lakota-Worte: «Der Wind will dich nicht töten; er will dich stärken.» Fischer, 50, erlebte in jüngster Zeit, ob dieser Weisheit noch Gültigkeit hat. Ein kalter Wind vertrieb ihn einen Monat vor der Heim-Weltmeisterschaft von seinem Posten. Eine Urkundenfälschung und Lügen kosteten ihm den Job; über das gefälschte Covid-Zertifikat wird landesweit hitzig diskutiert. Fischers Fehltritt beendete abrupt eine Erfolgsphase als Nationaltrainer, die mehr als zehn Jahre andauerte. Sein Image litt stark: Trotz dreier WM-Silbermedaillen (2018, 2024, 2025) gab es Misstöne – ein Allheilmittel in der Trainerkarriere gibt es nicht. Lob kommt von vielen Seiten für Fischers Positivität und ansteckende Energie. Doch ein ehemaliger Spieler meint: «Als Spieler hat er jede Regel gebrochen, die man sich vorstellen kann. Als Trainer war er willkürlich in seinen Anforderungen – ich konnte das nicht ernst nehmen.» Nach Ende seiner aktiven Karriere 2009 durchlief Fischer eine tiefgreifende Wandlung. Er spielte für NHL-Coach Wayne Gretzky und fand im Rausch eines Lebens auf der Überholspur seine Erfüllung: Casino-Besuche, Partys – Hybris nannte er es selbst. Nach dem Playoff-Aus seines Teams 2009 begab sich Fischer mit Bruder Marco auf eine Selbstfindungsreise nach Peru. Bei den Indigenen erlebten sie eine Ayahuasca-Zeremonie und fühlten sich dabei wie neu geboren. Diese Erfahrung veränderte Fischers Leben grundlegend; er kehrte zurück und kündigte überraschend beim EVZ. Der Entscheid brachte Verluste, aber auch Freiheit in seinem Alltag. Er baute mit dem Bruder ein Ayahuasca-Zentrum in Peru und eine «Eco Lodge» in Costa Rica auf. Ermutigt von Fischer reisten verschiedene Eishockeyspieler ins Amazonasgebiet – nicht alle fanden dort ihr Glück. Fischer selbst schien durch diese Reisen beflügelt: Sie verstärkten sein Selbstbewusstsein, das ihn 2015 unerwartet zum Nationaltrainer machte. Mit der Vision eines Weltmeistertitels wurde er belächelt, aber mit seinem Optimismus initiierte er einen Wandel. Fischer verstand schnell, dass die nationalen Mannschaften kein geeignetes Umfeld für seine Überzeugungen waren. Trotz unkonventioneller Ansätze im Aufenthaltsraum blieb er in seiner Rolle professionell und baute eine gute Beziehung zu den Spielern auf. Sein offenes Spielsystem gefiel, die Mannschaften hatten mehr Spaß als bei defensiven Taktiken. Doch im Alltag eines Klubs fragt man sich, ob sein Pathos überdauern würde. Im Nationalteam gab es Herausforderungen: Fischers Kommunikation war nicht immer optimal, besonders beim Verjüngungsprozess 2022 nach den Olympischen Spielen. Die Streichung von Raphael Diaz und Simon Moser wurde schlecht kommuniziert. Die Jahre 2022 und 2023 waren schwierig für Fischer; der fehlende Erfolg brachte Kritik. Hätte die Zertifikatsaffäre früher ans Licht gekommen, wäre sein Verbleib kaum möglich gewesen. In einem Red-Bull-Magazinbeitrag von Februar 2022 skizzierte er Leitsätze für ein erfülltes Leben: Bäume grüßen und Ehrlichkeit walten lassen. Dieses Plädoyer verliert an Glaubwürdigkeit, da Fischer sein Vergehen vier Jahre lang vertuschte. Vielleicht erklärt das Lakota-Sprichwort die Ambivalenz in Fischers Charakter: «Der große Geist hat Licht und Schatten; manchmal lehren uns Fehler mehr als Erfolge.»