In Laborstudien an Mäusen haben Wissenschaftler mit einer sogenannten “universellen Impfung” gegen Atemwegsinfektionen beeindruckende Ergebnisse erzielt. Die Frage ist, ob diese Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind.
Erkältungen und deren Symptome wie Nasefluss und Müdigkeit sind weit verbreitet und unerwünscht. Hinzu kommen gefährliche Atemwegserkrankungen, die jährlich in Deutschland Zehntausende Menschenleben fordern. Ein Nasenspray mit der Fähigkeit, solche Erkrankungen zu verhindern, erschiene wie ein wahr gewordener Traum.
Ein Forscherteam um Bali Pulendran von der Stanford University hat diese Vision nun in einer Studie im Wissenschaftsjournal “Science” beschrieben. Sie präsentieren das Nasenspray als mögliche universelle Impfung gegen Atemwegserkrankungen. Skepsis herrscht jedoch noch vor, ob ein solcher Durchbruch tatsächlich möglich ist.
In ihren Experimenten erhielten Mäuse spezielle Nasentropfen und zeigten nach drei Anwendungen eine weitgehende Immunität gegen diverse Erreger: Sars-CoV-2, zwei weitere Coronaviren sowie zwei typische Bakterien, die Lungenentzündung verursachen. Auch auf Allergene von Hausstaubmilben reagierten sie schwächer als ungeimpfte Mäuse. Dieser Effekt hielt mindestens drei Monate an.
Die Idee, mit einem Impfstoff mehrere Krankheiten zu bekämpfen, galt lange als utopisch. “Niemand glaubte ernsthaft daran, dass dies jemals machbar sein könnte”, zitiert ein Blogbeitrag der Universität Stanford Pulendran.
Weltweit arbeiten Forschungsgruppen an universellen Impfungen gegen Virusfamilien wie die Grippeviren. Diese Impfungen würden sich auf gemeinsame Merkmale aller Viren einer Familie konzentrieren, um über mehrere Jahre Schutz zu bieten. Mehrere solcher Entwicklungen sind derzeit in klinischen Tests.
Die Forscher von Stanford gehen jedoch noch einen Schritt weiter: Sie wollen mit einer einzigen Impfung eine Vielzahl unterschiedlicher Krankheitserreger bekämpfen und damit gegen die seit 230 Jahren geltende Grundidee traditioneller Impfungen verstoßen, wonach jede Impfung nur vor einem spezifischen Erreger schützt.
Eine konventionelle Impfung ahmt eine Infektion mit dem gewünschten Krankheitserreger nach und regt das adaptive Immunsystem an. Dieses System lernt die Bekämpfung spezifischer Erreger, was zu einer langfristigen Immunisierung führt.
Die Stanford-Forscher zielen stattdessen auf das angeborene Immunsystem ab, die Ersthelfer des Körpers wie die Makrophagen. Diese reagieren schnell auf Infektionen, aber normalerweise nur kurzzeitig. Das Nasenspray imitiert Signalmoleküle der Zellkommunikation und hält das Alarmniveau der Immunzellen durch ein Eiweißmolekül, das T-Zellen anlockt, über Monate aufrecht.
Doch Christiane Eberhardt vom Impfzentrum am Universitätsspital Genf bleibt skeptisch. Sie betont, dass Mäuse und Menschen in ihrer Immunreaktion unterschiedlich seien und die Laborbedingungen der Experimente nicht mit den realen Umgebungen von Menschen vergleichbar sind.
Zudem muss noch geklärt werden, ob das Nasenspray bei Menschen Nebenwirkungen verursacht. Eine starke Aktivierung des angeborenen Immunsystems kann Symptome wie Müdigkeit und Kopfschmerzen auslösen, die typisch für Erkältungen sind.
Pulendran plant erste Studien am Menschen. Das Nasenspray könnte nicht nur Erkältungen verhindern, sondern auch in zukünftigen Pandemien lebensrettend wirken, indem es schnelle und effektive Impfmöglichkeiten bietet.