Nina Warken, die Bundesgesundheitsministerin, schlägt vor, die Kosten für gesetzlich versicherte Bürger zu erhöhen. Diese Pläne stoßen auf Kritik von der SPD und der CSU. Das deutsche Gesundheitssystem sieht sich mit einem erheblichen Finanzierungsdefizit konfrontiert: Im laufenden Jahr fehlen über 10 Milliarden Euro, bis 2027 könnten es 15 Milliarden sein, und bis 2030 könnte die Lücke auf etwa 40 Milliarden ansteigen. Der Hauptgrund für diese finanzielle Belastung sind steigende Ausgaben, die bereits seit Jahren die Einnahmen übersteigen.
Um zu sparen, hat Ministerin Warken einen Gesetzentwurf vorgelegt, der nun jedoch Kritik provoziert – insbesondere ihr Vorschlag, Gutverdiener und Arbeitgeber stärker zu belasten. Konkret plant sie eine Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze um 300 Euro pro Monat im Jahr 2027, zusätzlich zur regulären Erhöhung. Aktuell liegt diese Grenze bei einem Bruttomonatsgehalt von 5812,50 Euro, was bedeutet, dass über dieser Schwelle keine Beiträge mehr gezahlt werden müssen. Durch die Anhebung würden Arbeitnehmer und Arbeitgeber stärker belastet, da sie sich die erhöhten Beiträge teilen. Dies soll den Krankenkassen zusätzliche 2,4 Milliarden Euro pro Jahr einbringen.
Christos Pantazis, der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, äußert sich kritisch: “Es kann nicht sein, dass am Ende allein die Versicherten die Zeche zahlen sollen”, sagte er gegenüber der “Bild”. Er schlägt vor, die Anzahl der Krankenkassen zu reduzieren. “Wir brauchen keine neunzig Krankenkassen”, betonte Pantazis. “Ein halbes Dutzend bis maximal ein Dutzend große, leistungsfähige Kassen würde ausreichen.”
Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) zeigt sich skeptisch gegenüber der Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze und hält sie für keine Stärkung des Standortes Deutschland. “Im Gegenteil: Sie verteuert die Arbeitskosten für Arbeitgeber, schrumpft das Netto eines gutverdienenden Facharbeiters und senkt den Druck auf Reformen im Gesundheitswesen”, teilte der Verband mit.
Ebenfalls kontrovers diskutiert werden geplante Einschränkungen bei der Familienversicherung. Ursprünglich sollte es ab 2028 nicht mehr möglich sein, Ehepartner generell kostenlos mitzuversichern – ein Vorschlag einer Expertenkommission zur Rettung des Gesundheitssystems. Ministerin Warken hat diesen Vorschlag jedoch abgeschwächt und Ausnahmen für Elternteile von Kindern unter sieben Jahren, Eltern von Kindern mit Behinderungen, pflegende Angehörige sowie Rentner eingeräumt. Ehepartner müssen künftig einen Beitrag von 3,5 Prozent des Einkommens des Partners zahlen.
Markus Söder, CSU-Chef, bezeichnet die Abschwächung als ersten Schritt in die richtige Richtung. Allerdings fordert er deutlichere Veränderungen, insbesondere dass der Staat statt den Krankenkassen die Kosten für Bürgergeldempfänger übernimmt. Derzeit zahlt der Bund nur 144 Euro monatlich pro Bürgergeldempfänger an die Kassen – ein Betrag, der lediglich etwa ein Drittel der tatsächlichen Kosten deckt und zu einem Defizit von rund 12 Milliarden Euro jährlich führt.
Warken bleibt offen für weitere Änderungen ihrer Pläne. Sie erkennt die “gewisse Ungerechtigkeit” bei der Finanzierung der Krankenkosten für Bürgergeldempfänger an, sieht jedoch keinen finanziellen Spielraum im Haushalt für sofortige Maßnahmen. Weitere Belastungen könnten auf Versicherte zukommen: Höhere Zuzahlungen für Medikamente und eine Senkung des Krankengeldes von 70 auf 65 Prozent des Bruttoeinkommens sind geplant. Auch Pharmahersteller sollen bei der Kostenreduzierung mitwirken, indem sie ihre Preismöglichkeiten einschränken und höhere Rabatte akzeptieren.
Die Reform soll insgesamt 20 Milliarden Euro einsparen. Der Gesetzentwurf wird am 29. April im Kabinett beraten und soll noch vor der Sommerpause von Bundestag und Bundesrat beschlossen werden.