Ist Deutschland auf dem Weg zu „Weimarer Verhältnissen“? Der renommierte Historiker Jörn Leonhard diskutiert im Interview die Vergleiche mit Faschismus und die Möglichkeiten zur Rettung liberaler Demokratie. Bekannt für seine umfassenden Werke wie „Die Büchse der Pandora“ über den Ersten Weltkrieg und „Über Kriege und wie man sie beendet“, untersucht Leonhard aktuell eine Globalgeschichte der Zwischenkriegszeit. Wir treffen ihn in Luzern, wo er an einer Veranstaltung des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik teilnimmt.
Leonhard sieht den Rückgang Viktor Orbans in Ungarn als Beleg für die Selbstheilungskräfte der Demokratie, trotz der Herausforderungen bei der Redemokratisierung der Institutionen. Er betont eine zyklische Betrachtungsweise der Geschichte, die nicht linear verläuft, sondern sich in Wellenbewegungen vollzieht.
Trotz anhaltender Krisendiskussionen zieht Leonhard Parallelen zur Zwischenkriegszeit und hebt hervor, dass die Demokratie damals trotz düsterer Prognosen nicht unterging. Er verweist auf den Aufstieg Roosevelts in den USA als Wendepunkt.
Leonhard warnt vor vorschnellen Vergleichen mit der Weimarer Republik und betont, dass die gegenwärtige politische Situation Deutschlands sich grundsätzlich von dieser unterscheidet. Er stellt fest, dass eine Regierungseinbindung extremer Kräfte nicht zwangsläufig zu deren Domestizierung führt.
Er äußert Skepsis hinsichtlich der inflationären Verwendung des Begriffs „Faschismus“ und betont die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung. Während er Timothy Snyder schätzt, plädiert er für einen Prozessansatz zur Analyse gegenwärtiger Phänomene.
Abschließend reflektiert Leonhard über den Zustand der Demokratie in den USA und die Herausforderungen für das Rechtssystem. Trotz Sorgen bleibt er vorsichtig optimistisch bezüglich der Zukunft der liberalen Demokratie.