Seit Ausbruch der Corona-Pandemie sind wir einer sogenannten Infodemie ausgesetzt – eine Flut von Informationen im Netz. Ohne die Fähigkeit zur Einordnung werden diese oft als medizinische Befunde missverstanden.
Um Mitternacht leuchtet das Display: 78 Herzschläge pro Minute, Schlafqualität in Prozenten aufgeschlüsselt. Doch statt Ruhe erzeugt es Besorgnis. Gesundheits-Apps haben unsere Körper zu bloßen Datenreihen gemacht, von denen wir mehr Sicherheit erhofften – und stattdessen Stress erleben. Einige sprechen sogar von einer “Tyrannei der Daten”. Ob übertrieben oder nicht, die Auswirkungen sind real: Der Glaube an die beruhigende Kraft des Wissens ist eine Illusion.
Puls, Schlaf und Stress – alles wird gemessen und scheinbar kontrolliert. Doch das Resultat ist oft Unruhe statt Kontrolle. Wir vertrauen den Zahlen mehr als unserem eigenen Gefühl. Kopfschmerzen? Ein paar Klicks später: Hirntumor. M-Health-Apps erleben einen Boom, während Studien zeigen, dass sie Ängste verstärken und zu überflüssigen Arztbesuchen führen können. TikTok ist voller medizinischer Inhalte, doch ein Großteil davon ist ungenau. Das verunsichert die Nutzer.
Wer Symptome googelt, gerät in einen Kreislauf aus Suchen, Zweifeln und Weiterlesen – besonders vor Operationen verstärkt dies die Angst. Apps geben jeder Abweichung Bedeutung, sodass alles als Signal erscheint. Diese Dynamik nennt sich Cyberchondrie, ein Zustand ohne positive Aspekte.
Ein Satz lautet: “Kein Algorithmus ersetzt das Bauchgefühl.” Zutreffend nur bedingt. Der Körper spürt, doch Daten, Ärzte und das Internet bieten ständig neue Interpretationen. Was davon gilt? Unklar. Je mehr Optionen, desto mehr Unsicherheit. Mehr Möglichkeiten führen nicht zu Klarheit, sondern Zweifel.
Seit der Pandemie spricht man von einer Infodemie: Information ist überall vorhanden. Wer sie einordnen kann, hat einen Vorteil; dieser fehlt jedoch oft. Eine Google-Suche nach Symptomen bietet keine klare Antwort, sondern eine Palette an Möglichkeiten – harmlos bis dramatisch, alles nebeneinander. Das Problem liegt nicht im Wissen selbst, sondern in der Unfähigkeit zu wissen, was ignoriert werden kann.
Hier liegt der Widerspruch: Mehr Information soll Sicherheit bringen, erzeugt aber oft Unsicherheit, da sie ohne Kontext gleich gewichtet wird und verunsichert. In solchen Situationen helfen oft die Menschen im Umfeld, die erklären, sortieren und relativieren – nicht mit neuen Informationen, sondern weniger.
Wir glauben, den Körper besser zu verstehen, kontrollieren ihn aber nur enger. Was einst Gefühl war, ist nun Messwert; Vertrauen wird überprüft. Je genauer wir schauen, desto unsicherer wird der Blick: Sie sind nicht krank, sondern informiert – und das macht es schwer, sich sicher zu fühlen.
Die Daten lösen das Problem nicht, zeigen nur Möglichkeiten, keine Entscheidungen. Vielleicht braucht es weniger Daten und mehr Orientierung oder den Mut, die Suche zu beenden. Das Problem ist vielleicht nicht, dass wir zu wenig wissen, sondern dass wir nicht aufhören können, nach Wissen zu streben.
Daniel Lorenz, Facharzt für Radiologie mit früherer Forschungstätigkeit an der Charité Berlin und am Karolinska-Institut Stockholm; Igor Toker, radiologischer Facharzt und Gründer in der IT-Branche mit Einblicken in technologische Innovationen.