Über 3000 Mikrobenarten haben sich in bösartigen Tumoren eingenistet, wo sie Schutz finden und deren Wachstum fördern. Forscher wollen nun dieser gefährlichen Allianz den Garaus machen.
Vor etwa zwei Jahren kam dem Molekulargenetiker James DeGregori von der Universität Colorado die Frage, ob Covid-19 und Krebs miteinander in Verbindung stehen könnten. Menschen mit schwerem Covid-19 leiden unter einer starken Immunantwort und Entzündungen – bekannt dafür, dass sie Krebserkrankungen begünstigen.
In seinem Labor beobachtete DeGregori Mäuse, denen er einige Brustkrebszellen in die Lunge gesetzt hatte. Nach Infektion mit Coronaviren explodierte die Zahl der Krebszellen innerhalb von vier Wochen um das Hundert- bis Tausendfache. Ein ähnlich rapides Wachstum wurde auch nach Grippevirusinfektionen festgestellt.
Diese Beobachtungen führten DeGregori dazu, Daten aus Grossbritannien, den Niederlanden und den USA zu analysieren. Dabei identifizierte er 4800 Krebspatienten, von denen ein Teil während der Pandemie Covid-19 hatte, der andere nicht. Die Ergebnisse zeigten: Patienten mit einer Covid-19-Infektion hatten innerhalb von zwei Jahren ein deutlich erhöhtes Sterberisiko aufgrund von Metastasen – fast doppelt so hoch wie bei den Nichtinfizierten.
Die Publikation in “Nature” im Sommer des vergangenen Jahres stellte bisherige Annahmen über das langsames Wachstum von Tumoren infrage. DeGregori und andere Forscher heben hervor, dass Infektionen Krebszellen aktivieren können und schnell gefährliche Metastasen verursachen.
Diese Erkenntnisse beleben ein neues Forschungsfeld: Die Rolle von Infektionen bei der Krebsentstehung wird intensiv untersucht. In Tumoren finden sich Viren, Bakterien und Pilze, die möglicherweise das Wachstum fördern.
Bekannt ist die Verbindung zwischen bestimmten Erregern und Krebserkrankungen schon lange: Helicobacter pylori kann Magenkrebs auslösen, indem es direkt das Erbgut verändert. Humane Papillomviren (HPV) können nach Jahrzehnten Gebärmutterhalskrebs hervorrufen – in der Schweiz und Deutschland werden Jugendliche seit 2007 dagegen geimpft.
Erst kürzlich wurde die Rolle von Fusobacterium nucleatum in Lebermetastasen von Darmkrebspatienten entdeckt. Diese Bakterien, normalerweise im Mundraum lebend, fördern das Krebswachstum und können durch Antibiotika behandelt werden.
Forschungen zeigen auch die Rolle genotoxischerE. coli bei der Erzeugung charakteristischer Mutationen im Genom, die Darmkrebs verursachen können. Diese Erkenntnis erklärt den Anstieg von Darmkrebsfällen unter jungen Menschen.
Thomas Rudel von der Universität Würzburg erforscht Chlamydieninfektionen und ihr erhöhtes Risiko für Eierstock- und Gebärmutterhalskrebs. Diese Bakterien bevorzugen Krebszellen, da sie dort leichter überleben können.
Um jungen Frauen vor solchen Infektionen zu schützen, arbeitet Rudel an einer Impfung. Die neuen Erkenntnisse werden die Krebsmedizin verändern: Prävention und Behandlung könnten sich auf spezifische Bakterien und Viren konzentrieren. James DeGregori untersucht derzeit, ob eine Impfung gegen Sars-CoV-2 und Grippe Krebspatienten schützt.
Eine weitere Konsequenz dieser Erkenntnisse könnte sein, Infektionen parallel zur Krebstherapie zu behandeln. Bei Covid-19 könnte ein Interleukin-6-Schub das Krebswachstum fördern; Antikörper-Medikamente könnten hier Abhilfe schaffen und sowohl vor schwerem Verlauf als auch vor einer Rückkehr der Krankheit schützen.