Mit ihrem Debütroman «Hauptsache kein Zeitgeist» wagt sich Hayat Erdoğan an die Herausforderung, den heutigen Zeitgeist zu hinterfragen. Der Roman beginnt um sechs Uhr morgens mit der Nachricht von einem Erdbeben in der Türkei und Syrien. Diese Schlagzeile öffnet das Tor für einen Tag voller Reflexionen über gegenwärtige Urteilsfähigkeit.
Die namenlose Protagonistin, die in ihrer Zürcher Wohnung sitzt, wird von Erinnerungen an ihre Kindheit in Anatolien und ihrem Leben als Gastarbeiterkind in Deutschland heimgesucht. Erdoğan spricht über diese persönlichen Einflüsse: «Türkisch ist meine erste Sprache», betont sie, obwohl ihr Deutsch flüssiger geworden sei. Diese Verbindung spiegelt sich auch in ihrer Zürcher Wohnung wider, wo ein Kater neugierig beobachtet, wie Hayat Erdoğan am Schreibtisch sitzt.
Erdoğan bringt ihre Theatererfahrung in die literarische Arbeit ein. Sie erläutert, dass das Timing im Theater und im Gespräch erkennbar sei. Zuletzt war sie Co-Direktorin des Theaters Neumarkt bis 2025 und begann 2022 mit dem Schreiben ihres Romans.
Die Autorin kennt die Schauplätze ihrer Erzählung gut, von der anatolischen Schule, wo sie den Atatürk-Eid sprach, über Triest, das zwischen Sprachen und Kulturen liegt – eine Stadt, die sie aufgrund ihrer Forschungen zu James Joyce besuchte. Ihre Auseinandersetzung mit «Ulysses» ist tiefgreifend; obwohl Erdoğan keine emotionale Bindung zu diesem Werk spürt, dient es ihr als intellektuelle Grundlage.
Erdoğan entschied sich für 24 Kapitel, inspiriert von der Struktur der «Odyssee», und nutzt diese Form, um die Geschichte eines ganzen Tages auszubreiten. Ihre Schreibprozesse waren nicht linear; oft tauchte sie tief in die Erzählung ein und musste sich dann wieder darin zurechtfinden.
Trotz der intensiven Auseinandersetzung mit ihrer Figur betont Erdoğan, dass sie nicht ihre Protagonistin sei. Sie beschäftigt sich mit dem Zeitgeist kritisch: Literatur als Mittel, um Normen zu durchbrechen und die Komplexität von Biografien darzustellen.
Der Roman verbindet Familiengeschichte, Liebeskummer und Medienkritik in einem einzigen Tag. Die Handlung mag traditionell gesehen zurückhaltend sein, aber der Rhythmus und die Verschiebungen schaffen eine Anziehungskraft. Erdoğan ist sich bewusst, dass ihre Arbeit manchmal überladen wirken könnte.
Ihre Sprache strebt danach, nicht im Diskurs glatt gezogen zu werden, was einen Widerstand gegenüber der ständigen Aufforderung zur Stellungnahme darstellt. «Hauptsache kein Zeitgeist» bleibt bei den alltäglichen kleinen Gesten und erzählt gleichzeitig die großen Geschichten von Homer und Joyce weiter.
Eine Erzählerin in Zürich begibt sich auf eine Suche nach Verständnis im Angesicht einer Welt, die alles sichtbar macht, aber oft wenig versteht. Hayat Erdogans Werk ist ein ambitionierter Versuch, das heutige Urteilsvermögen zu hinterfragen und dabei persönliche sowie literarische Einflüsse zu verweben.
Hayat Erdoğan: Hauptsache kein Zeitgeist. Claassen-Verlag, Berlin 2026. 304 S., Fr. 34.90.