Luxemburgs Finanzplatz ist auf qualifizierte Zuwanderer angewiesen. Die Migration hat jedoch zu einer angespannten Wohnungssituation geführt. Dennoch fehlen Initiativen wie «Keine 10-Millionen-Schweiz!».
Einst stand Luxemburg vor der Wahl, sich wirtschaftlich neu zu erfinden oder unterzugehen. In Belval bei der Hauptstadt befinden sich zwei ehemalige Hochöfen als Touristenattraktion, nachdem sie in den 1990er Jahren stillgelegt wurden. Ein dritter Hochofen wurde sogar nach China verkauft und demontiert. Damit endete die Ära der Montanindustrie, was zu tausenden verlorenen Arbeitsplätzen führte.
Die Regierung hatte jedoch bereits Schritte unternommen, um das Land durch Spezialisierungen im Finanzsektor, wie Fonds und Versicherungen, neu auszurichten. Niedrigste Steuern in der EU zogen Unternehmen an. Dieses Modell war so erfolgreich, dass Luxemburg nun mit einer Wohnungsnot konfrontiert ist, da die heimischen Arbeitskräfte den Bedarf nicht decken können.
In den letzten vierzig Jahren verzeichnete das Land die höchste prozentuale Zuwanderung in der EU. Die Bevölkerung wuchs von 365 000 im Jahr 1981 auf 682 000, mit einer Prognose von einer Million Einwohnern bis 2070.
Patrick Bousch vom Institut Liser weist darauf hin, dass das Wohnungsproblem seit 30 Jahren besteht und Luxemburg Schwierigkeiten hat, eine Lösung zu finden. Es gibt keine überregionale Raumplanung, die Wohnen mit Verkehr koordiniert; Gemeinden agieren autonom. Der Mangel an Genossenschafts- und staatlich geförderten Wohnungen verschärft das Problem.
Der Markt ist privatwirtschaftlichen Investoren überlassen, wobei viele Bauland horten, um ihren Familien den Bau von Eigenheimen zu ermöglichen, wie Bousch bemerkt. Interessanterweise führt die Wohnungsnot nicht zu hitzigen Debatten wie in der Schweiz; Initiativen gegen Zuwanderung sind hier unbekannt. Die rechtspopulistische Partei ADR besetzt nur 5 von 60 Sitzen im Parlament und bleibt randständig.
Vincent Hein, Ökonom beim Think-Tank Idea, betont, dass kein Grund für eine breite Anti-Europa-Bewegung in Luxemburg besteht. Die Europäische Integration hat dem Land genutzt und die Einheimischen sehen sich auf dem Arbeitsmarkt kaum bedroht, da viele eine Anstellung im öffentlichen Dienst haben.
Hein hat ein Paper verfasst, das besagt: Um das Wirtschaftswachstum zu bremsen, müsste man Luxemburg weniger attraktiv machen, beispielsweise durch höhere Steuern. Doch dies würde den Wohlstand gefährden. Das Wirtschaftsmodell basierend auf niedrigen Steuern wird kaum infrage gestellt.
Dennoch ist klar, dass das Wohnungsproblem entschlossener angegangen werden muss. Viele Luxemburger ziehen über die Grenze, da die heimischen Kosten zu hoch sind. Die Wohnungsknappheit könnte zudem qualifizierte Arbeitskräfte abschrecken.
EU-Institutionen mit 12 000 Mitarbeitern haben Schwierigkeiten, in Luxemburg Fuß zu fassen, da die Mieten hoch und das quirlige Leben Brüssels fehlt. Trotz hoher Immobilienpreise ist Luxemburg keine Metropole.
Junge Fachkräfte aus Südeuropa sehen ihre Zeit in Luxemburg oft als Karrierestation. Sie nutzen Positionen bei Banken oder Beratungsfirmen zur Berufserfahrung, finden das Wohnen aber teuer.
Neue Quartiere wie Belval sollen die Wohnungsnot entschärfen. Doch Projekte stoßen auf Kritik: zu dichte Bebauung und mangelnde Infrastruktur für Fußgänger. Trotzdem bemüht sich die Verwaltung, aus Fehlern zu lernen.
Luxemburg steht vor einem Dilemma: Weiterwachsen ohne kluge Infrastrukturentwicklung verschärft Engpässe und schadet der Wirtschaft. Eine Abkehr vom aktuellen Modell gefährdet den Sozialstaat. Hesse unterstreicht, dass Luxemburg viel zu verlieren hat.