Im digitalen Zeitalter gewinnt der Service public an Bedeutung, muss jedoch neu konzipiert werden, betont Susanne Wille, Generaldirektorin der SRG. Die Wahl stehe zwischen einem pessimistischen Fatalismus und einer mutigen Gestaltungskraft.
Die Medienkrise in der Schweiz ist unbestreitbar: Vier von fünf digitalen Werbeeinnahmen fließen nicht zu lokalen Medien, sondern an globale Plattformen wie Google und Meta. Fast die Hälfte der Bevölkerung informiert sich kaum oder ausschließlich über Social Media. Künstliche Intelligenz verändert zudem das mediale Ökosystem, indem sie Inhalte umgestaltet – ein Phänomen, dessen Auswirkungen wir erst verstehen.
Ein düsteres Bild entsteht: Traditionelle Medienhäuser könnten scheitern und nur wenige Marken überdauern. Diese Sichtweise ist jedoch zu eng und fatalistisch, so Wille. Ein positives Signal war der 8. März 2026: Das Schweizer Stimmvolk lehnte die Halbierungsinitiative mit rund 62 % ab, alle Kantone stimmten dagegen. Dieser Vertrauensbeweis verpflichtet zur Weiterentwicklung des Service public – einer modernen SRG.
Bereits im November 2024 versprach Wille als neue Generaldirektorin eine vollständige Neuausrichtung der SRG: Ein digitales Betriebsmodell soll entwickelt werden, Effizienz und Beweglichkeit stehen im Vordergrund. Mit Play+, einer neuen Live- und Streamingplattform für Audio- und Videoinhalte aus allen Schweizer Regionen, reagiert die SRG auf das Publikum.
Diese Transformation ist anspruchsvoll und erfordert Einsparungen von 270 Millionen Franken sowie den Abbau von rund 900 Stellen. Die Umsetzung eines politischen Sparauftrags geht Hand in Hand mit Investitionen in neue Technologien, was eine Neuausrichtung des Selbstverständnisses der SRG notwendig macht: Vom klassischen zu einem digitalen, modernen Service public.
Die SRG soll als Akteurin im öffentlichen Raum agieren und Inhalte, Distribution sowie Technologie integrieren. Ihr Auftrag liegt nicht mehr nur in eigenen Angeboten, sondern auch darin, digitale Wirkung für die Schweiz zu schaffen.
Konkret bedeutet dies:
Erstens: Die Schaffung einer medialen Heimat. In einer von globalen Algorithmen geprägten Welt benötigen wir verlässliche Räume mit eigener Stimme, in denen sich die Schweiz selbst erzählt – auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Ein Vollprogramm ist essenziell für eine umfassende Medienlandschaft.
Zweitens: Sicherung der Informationssouveränität. Vertrauenswürdige Informationen sind essentiell für das direktdemokratische System. Die SRG trägt dazu bei, einen starken einheimischen Service public zu erhalten.
Drittens: Stärken teilen. Die SRG ist kein Konkurrent der privaten Medien, sondern ergänzt diese. Gemeinsame Projekte wie die Stärkung des Schweizer TV-Werbemarktes oder die Kooperation bei der Förderung von Nachrichtenkompetenz sind erste Schritte.
Das Swiss Media Forum in Luzern ist eine Plattform für Branchengespräche. Wille ruft zur gemeinsamen Auseinandersetzung auf, um das Vertrauen in lokale Medien zu stärken und zukünftige Generationen zu gewinnen. Die SRG steht als Vorbild bereit, wenn der Mut vorhanden ist.
Die nächsten zehn Jahre können den Beginn einer vielfältigen Schweizer Medienlandschaft markieren. Dies erfordert Phantasie, Zusammenarbeit und ein neues Denken über das System. Die SRG ist bereit für diese Herausforderung.