Mirco Biscioni kämpft seit seiner Kindheit mit Zwangsstörungen. Frühe Angst vor einer möglichen Gasvergiftung im Schlaf trieb ihn zu komplexen Ritualen, um Panikattacken abzuwenden. Im Laufe der Jahre veränderten sich seine Symptome: Er erlebte intensive Wasch- und Kontrollzwänge. Ein Türgriff wurde zur potentiellen Gefahr, da er sich vor Ansteckungen fürchtete. “Wenn die Türfalle kontaminiert ist, muss ich kontrollieren, was ich mit dieser Hand anfasse”, beschreibt Biscioni die Logik seiner Zwänge.
Erst nach Jahren, in denen der Alltag zur Herausforderung wurde und er nicht mehr aus dem Bett herauskam, suchte er Hilfe. Psychotherapeut Paul Lukas vom Sanatorium Kilchberg erklärt: “Zwischen ein bis drei Prozent der Bevölkerung leiden an Zwangsstörungen”, wobei sich diese in zwei Hauptformen äußern: Zwangshandlungen und zwanghafte Gedanken.
Céline Müller litt als Jugendliche unter quälenden, nicht kontrollierbaren Zwangsgedanken. Diese bezogen sich auch auf ihre sexuelle Orientierung: “Was, wenn ich lesbisch bin?” Trotz ihres Bewusstseins, dass es nichts Schlimmes ist, lesbische zu sein, kämpfte sie gegen diese Gedanken an.
Paul Lukas erläutert, dass solche Zwangsgedanken als Sexual Orientation OCD bekannt sind. Er sieht oft Patienten in seiner Klinik, die glauben, homosexuell zu sein, obwohl sie in heterosexuellen Beziehungen leben. Die Störung kann vielfältige Formen annehmen und häufig mit anderen psychischen Belastungen wie Depressionen oder Autismus einhergehen.
Auch Céline Müller, die auf dem Autismusspektrum liegt, kämpfte gegen Gedanken, andere zu belästigen. “Ich bin nicht lesbisch. Ich will niemanden berühren”, antwortete sie ihren Zwängen, doch dies war bereits eine Zwangshandlung.
Lukas betont, dass bei Betroffenen sowohl Zwangsgedanken als auch -handlungen auftreten können. Céline Müller litt zwei Jahre lang unter diesen Gedanken und fand erst spät Hilfe. Experten wie Lukas bemerken, dass es im Schnitt sieben bis neun Jahre dauert, bis Betroffene sich behandeln lassen.
Mirco Biscioni trat seiner Angst durch Expositionstherapie entgegen, in der er lernte, schmutzige Wäsche zu waschen und den Zwang zur Vermeidung von Berührung zu überwinden. Er bleibt weiterhin therapeutisch aktiv und entwickelt Strategien zur Gefühlsregulation.
Céline Müller fand durch Therapie und Fotografie Unterstützung. Sie studiert Fashion Photography in London und hat nur selten noch Zwangsgedanken, denen sie heute gelassener begegnet. Die Erkenntnis, dass diese Gedanken keine Wahrheit über ihre sexuelle Orientierung darstellen, gibt ihr Sicherheit.