Die AfD übernimmt eine Rolle, die einst der SPD zufiel: Sie wird zur Partei von Arbeitern mit Blaumann und Schichtplan, die das Gefühl haben, dass Politik immer gegen sie arbeitet. Die Zahlen sprechen für sich: In Rheinland-Pfalz erreicht die AfD fast 20 Prozent und liegt bei Arbeitern sogar vor der SPD (26 zu 30 Prozent). Auch in Bayern wächst ihr Anteil auf über 12 Prozent während kommunaler Wahlen, und in Baden-Württemberg kommt sie nahe an 19 Prozent heran. Diese Ergebnisse zeigen ein Muster statt Ausreißer.
Einst repräsentierte die SPD Schraubstock und Stechuhr, heute steht sie für Haltung und Heizgesetze. Während sie über gesellschaftliche Transformation spricht, beschäftigen sich ihre früheren Wähler mit steigenden Strompreisen und Nebenkostenabrechnungen.
Die AfD hingegen reduziert die Komplexität der Politik auf einfache Schuldzuweisungen: Migration, Eliten, Amerika und Berlin. Ihr Wirtschaftsprogramm ist ein unzusammenhängender Wunschzettel mit einem Hauch von Frust: Billige Energie, starke Industrie, weniger Staat – alles gleichzeitig. Auch wenn das unrealistisch erscheint, erwartet ihr Wählerkreis keine kohärente Politik.
Die SPD ist sich der Situation bewusst, handelt aber so, als würde sie die Diagnose verweigern. Arbeitsministerin Bärbel Bas betont zwar den eigenen Weg, rühmt aber zugleich ihre Relevanz im Land – ein schwacher Trost für eine Arbeiterpartei.
Im Westen macht sich nun das bemerkbar, was im Osten schon geschehen ist: Die AfD profitiert nicht von eigener Stärke, sondern weil andere Parteien ins Straucheln geraten sind. Die Wahl der Arbeiter für die AfD basiert weniger auf Überzeugung als auf dem Gefühl, nirgendwo anders vertreten zu sein. Die SPD hat ihre Wähler nicht verloren – sie hat ihnen einfach keine Bindung mehr gegeben.