“Die Grenze ist das erste Element, das Reisende sehen, doch sie bleibt oft im Hintergrund,” bemerkt Gabriele Spalluto aus dem Tessin. Die Schweiz teilt ihre 1’935 Kilometer lange Grenze mit fünf Ländern und verfügt über 692 Übergänge. Davon sind noch bei 175 ein Zollhäuschen oder eine Dienststelle vorhanden, die alle von Spalluto fotografiert wurden.
Aufgewachsen in Balerna im Südtessin war der Grenzübergang zu Italien Teil seines Alltagslebens. Als die Grenze plötzlich geschlossen wurde, erlangte sie neue Bedeutung für den 30-Jährigen, der sich nun intensiv mit diesen oft anonymen Orten beschäftigt.
“Ich interessiere mich für Architektur und wollte wissen, was es dort gibt. Diese Orte haben doch meist nur einen bestimmten Zweck,” sagt Spalluto. Gleichzeitig präge die Grenze unsere schweizerische Identität. So machte er sich auf den Weg und reiste ein Jahr lang mit der Kamera quer durchs Land.
Alle 175 Bilder der Schweizer Grenzübergänge hat Fotograf Gabriele Spalluto im Buch “Hic Sunt Leones” veröffentlicht, das 2024 erschienen ist. Noch bis Anfang Mai 2026 sind die Werke in Lugano ausgestellt.
Aus einer einheitlichen Perspektive fotografiert er alle Grenzübergänge: im Vordergrund die letzten Meter der Schweiz und im Hintergrund das “Fremde”. Warum? “Einerseits aus ästhetischen Gründen, andererseits um Gedanken anzuregen,” so Spalluto.
Im Tessin wird vermehrt nach stärkerer Grenzsicherung gerufen. Doch was macht uns dort auf der anderen Seite wirklich Angst? Wir kennen den Nachbarn doch eigentlich schon ganz gut.
Die SRG startet mit “Die Anderen. Les Autres. Gli Altri. Ils Auters – Le tour de Suisse” eine thematische Radio-Reise durch die Schweiz, in deren Rahmen an vier Tagen das Jahresthema “Übergänge” beleuchtet wird. Das Projekt beginnt am 25. März 2026 mit einem Tag “an der Grenze” im Tessin.
Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen allen Schweizer Grenzübergängen? Laut Spalluto: “Sehr wenig.” Zwar weht oft die Schweizer Flagge und ein hässliches Vordach mit dem Namen des Übergangs ist präsent, doch das sei fast schon alles.
Jeden Tag überqueren rund 2’200’000 Menschen, 1’100’000 Fahrzeuge und 21’000 Lastwagen die Grenze. Etwa 40 der Grenzübergänge werden regelmäßig bewacht. Die kleine Fläche zwischen den Zollstellen gehört formal beiden Staaten, wobei es Ausnahmen gibt.
Auch Schweizer Bürger müssen bei einer Kontrolle einen Ausweis vorzeigen können.
Spalluto beschreibt seine Fotografie-Serie als “eine Sammlung seltsamer Postkarten aus der Schweiz”. Besonders spannend findet er die große Heterogenität der Zollgebäude: “Manche Grenzübergänge befinden sich inmitten der Natur, andere mitten im Grossen St. Bernhard-Tunnel oder neben verlassenen Häusern.” Doch es gibt auch sehr aktive Übergänge mit dichtem Lastwagenverkehr und zahlreichen Mitarbeitern.
Als Lieblingsübergang nennt er die Symmetrie in Ramsen, das ländliche Beggingen und das Gebäude im Zentrum Basels. Besonders präsent bleibt ihm Indemini wegen der langen Anfahrt.
“Das Publikum ist fasziniert,” berichtet Spalluto. Die Bilder wecken Erinnerungen und regen Gespräche an, wobei jeder Übergang eine eigene Geschichte hat.