Josef Winkler, ein Schriftsteller der Generation, die sich von den autoritären Vaterfiguren Österreichs abwandte, widmet seinen neuesten Roman seiner verstorbenen Schwester Maria. Diese literarische Rückkehr nach Kamering, seinem Geburtsort, zeigt eine Verbindung zu seiner Heimat trotz früherer Ablehnung in Werken wie der Trilogie “Das wilde Kärnten”.
Winkler, der einst die patriarchalischen Strukturen seines Dorfes literarisch entlarvte, kehrt nun mit dem Roman “Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht” zurück. In diesem Werk wird das Leben zwischen religiösen Traditionen und familiären Pflichten dargestellt.
Der Autor erinnert sich an seine Kindheitserfahrungen, darunter eine Szene, in der er als kleines Kind an den Sarg seiner Grossmutter gehalten wurde. Diese Erinnerungen verwebt Winkler mit dem katholischen Konzept des Ablasses.
In über vierhundert Seiten beschreibt Winkler tragische Unfälle und Selbstmorde, die das Leben in der Region prägen. Die Landschaft dient als Schauplatz für persönliche Schicksale und politische Geschichte, insbesondere durch die Erwähnung von Odilo Globocnik, einem SS-Mann.
Trotz seiner kritischen Haltung gegenüber seiner Heimat ist der Roman voller Zuneigung für seine Schwester Maria. Sie war ein Außenseiter wie er selbst und litt unter psychischer Krankheit.
Maria Winkler wird als unsichere Konditorin dargestellt, deren Phantasien sie in eine psychiatrische Anstalt brachten. Ihre Visionen eines graumelierten Herrn bleiben unverurteilt im Roman.
Winklers Sprache verbindet die Tiefe Freuds mit barocker Volksfrömmigkeit und schafft ein literarisches Theater aus intimen Erinnerungen. Der Autor beschreibt seine gemeinsamen Abende mit Maria, ihre Geschichten und den Blechengel, der sowohl Hoffnung als auch Tod symbolisiert.
Der Roman ist eine Mischung aus Himmelfahrt und Höllenritt, in dem Winkler die Stationen von Marias Leben und Krankheit durchlebt. Trotz seiner Abkehr bleibt die Heimat ein zwiespältiges Gefühl.
Kamering erkennt sich in den Romanen wieder und fühlt sich verraten. Die Bevölkerung reagierte feindselig auf Winklers Darstellungen. Maria starb schließlich an Leberkrebs, geplagt von Angst und Verfolgungswahn.
Josef Winkler: Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht. Roman. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026. 432 S., Fr. 37.90.