Bis zum Jahr 1866 waren die Dörfer Lengnau und Endingen im Schweizer Kanton Aargau die einzigen Orte, in denen Juden dauerhaft ansässig sein durften. Diese historische Besonderheit soll nun durch ein neues Zentrum namens «Doppeltür» erforscht werden. Geplant ist der Begegnungsort für das Verständnis der jüdischen Vergangenheit und zur Förderung des Miteinanders verschiedener Kulturen.
Im Surbtal, wo Lengnau und Endingen gelegen sind, waren die Dörfer lange Zeit Zeugen eines einzigartigen Zusammenlebens von Juden und Christen. Vor 1866 durften sich Juden in der Schweiz nur hier niederlassen. Im mittleren 19. Jahrhundert lebten in Lengnau 525 Juden neben 788 Christen, während in Endingen 990 Juden auf 951 Christen trafen.
Der Bau des «Doppeltür»-Zentrums begann mit einem Spatenstich letzten Donnerstag, den Alt-Bundesrätin Doris Leuthard und der Aargauer Regierungsrat Dieter Egli feierten. Der Abschluss ist für das Jahr 2028 vorgesehen.
Der Name «Doppeltür» bezieht sich auf eine architektonische Besonderheit in den beiden Dörfern, die Wohnhäuser mit zwei nebeneinanderliegenden Eingängen hatten – ein Symbol für das pragmatische Zusammenleben von Juden und Christen. Lukas Keller, Präsident der Stiftung des Zentrums, beschreibt diese Häuser als «einmaliges Kulturerbe». Sie symbolisieren eine Form des Miteinanders ohne Ghettoisierung.
Obwohl es Reibereien gegeben haben mag, lebten Juden und Christen im Alltag friedlich beieinander. Historisch gesehen gab es zwei Parallelgesellschaften mit getrennten Institutionen und Praktiken. Trotzdem fanden pragmatische Interaktionen statt, wie der Wunsch nach einer Uhr und Glocken in der Synagoge von Endingen zeigt.
Die Geschichte des Surbtals spiegelt die harten Einschränkungen wider, denen Juden über Jahrhunderte hinweg ausgesetzt waren. Erst im 19. Jahrhundert erhielten sie mehr Rechte und Freiheiten. Viele der damaligen jüdischen Bewohner wanderten später in andere Länder aus.
Heute sind nur noch wenige Juden in den Dörfern ansässig, doch das Erbe bleibt präsent. Das «Doppeltür»-Zentrum wird kein traditionelles Museum sein. Vielmehr soll es interaktiv und multimedial die Themen Vielfalt und Toleranz erforschen. Lukas Keller hofft, dass künftig jedes Schulkind aus der Deutschschweiz den Ort besucht.