Nach dem Abschied der Berliner Philharmoniker eröffnen die Osterfestspiele Baden-Baden ein neues Kapitel. Joana Mallwitz und Johannes Erath präsentieren Wagners «Lohengrin» mit einer bildgewaltigen Inszenierung, in der das Publikum aufgefordert wird, sich mit der Frage auseinanderzusetzen: Kann man einem idealisierten Helden trauen? Dieser Aspekt ist besonders relevant in unserer Zeit, die von medialen und digitalen Inszenierungen überflutet wird.
Erath inszeniert Wagners Oper so, dass das Publikum mit einer visuellen Überwältigung konfrontiert wird. Ein prächtiges Bühnenbild, geschaffen von Herbert Murauer, begleitet die Aufführung: Lichtermeer und Video-Screens schaffen eine fast mystische Atmosphäre, während ein Wesen zwischen Mensch und Schwan in den Mittelpunkt tritt. Gesine Völlms Kostümbild verstärkt diesen Eindruck. Die Inszenierung balanciert geschickt auf der Grenze zwischen Kitsch und Kunstinstallation.
Während viele Interpretationen des «Lohengrin» die Figur als Heilsbringer demontieren, verfolgt Erath einen anderen Ansatz: Was wäre, wenn wir aus Überfütterung mit Medien das Gute nicht mehr erkennen könnten? Die Inszenierung lässt offen, ob der Protagonist ein Showmaster oder doch eine tragische Figur ist.
Piotr Beczała verkörpert den Schwanenritter mit einer charismatischen und zugleich distanzierten Präsenz. Tanja Ariane Baumgartner und Wolfgang Koch geben als Ortrud und Telramund nicht nur Intriganten, sondern auch investigative Charaktere, die Lohengrins Aura hinterfragen.
Rachel Willis-Sørensen spielt Elsa mit einer neuen Tiefe: Sie ist kein passives Opfer, sondern sucht nach Identität und Anerkennung. Diese Interpretation hinterlässt eine dissonante Note über das Ende der Oper hinaus.
Joana Mallwitz dirigiert die Premiere mit einem sensiblen Verständnis für Wagners Partitur, wobei sie durchsichtiges Orchesterklangbild und dramatisches Timing betont. Das Mahler Chamber Orchestra bringt Transparenz in den Klang, auch wenn gelegentlich das schwere Blech im Vordergrund steht.
Die Philharmonischen Chöre aus Wien und Brünn sind musikalisch stark präsent, passend zur Regie, die sie als Beobachtergruppe zeigt. Die Inszenierung fordert das Publikum auf, selbst zu entscheiden, wer Lohengrin wirklich ist.