Foodwaste bleibt ein bedeutendes Problem in der Schweiz; jährlich werden etwa 2.8 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet, wie Bundesdaten belegen. Der Bund hat das Ziel gesetzt, diese Zahl bis 2030 deutlich zu reduzieren, doch noch ist es weit entfernt. Rund 40 Prozent der Verschwendung passiert in Haushalten, aber auch in Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion, im Detailhandel und Gastronomie bleiben geniessbare Lebensmittel übrig.
Matthieu Ochsner, ein Betriebswirtschafter aus Zürich, erklärte: «Die Lebensmittelverschwendung ist für zehn Prozent der globalen Emissionen verantwortlich.» In Kooperation mit Ferdinand von Hagen hat er im Frischwaren-Handel und in Restaurants untersucht, warum so viele Produkte übrig bleiben. Ochsner fand heraus: «Uns sagten die meisten Betriebe, dass sie die Kundennachfrage nicht genau vorhersagen konnten.»
Mit ihrem Start-up «Go Nina», benannt nach dem kühlenden Klimaphänomen La Niña, entwickelte das Duo eine künstliche Intelligenz, um dieses Problem zu lösen. Die Software erstellt täglich Prognosen für Bestellungen einzelner Produkte auf Basis von aktuellen und historischen Verkaufsdaten. Sie berücksichtigt Faktoren wie Wetter, Feiertage oder Ferien.
Auch Grossverteiler wie Migros und Coop setzen KI ein, um Foodwaste zu reduzieren. Coop vermeldet laut SRF-Anfrage: «Die KI hilft bei der Anpassung von Bestellmengen an die Nachfrage, indem sie Faktoren wie Nachfrageentwicklung, Wetteraussichten und Feiertage berücksichtigt.» Die Migros nutzt ähnliche Systeme, um präzise Bedarfsprognosen zu erstellen, wobei Haltbarkeitsdaten, saisonale Schwankungen und aktuelle Trends einfließen.
Die täglichen Bestellprognosen werden im Laden über das Kassendisplay angezeigt. Im Hintergrund ermöglicht die Datenanalyse der Geschäftsleitung, den Foodwaste zu verfolgen oder Bedarfe für bestimmte Produkte besser einzuschätzen.
Interessierte Betriebe können die Software kostenfrei testen und danach ein Abo abschließen – mit Gebühren zwischen 200 und 300 Franken je nach Standort. Bisher wird sie in etwa 60 Betrieben genutzt, hauptsächlich in Bäckereien und Restaurants.
Die Bäckereikette Maier setzt die KI seit Anfang Jahr in ihren zehn Filialen im Aargau und Solothurn ein. David Giess, der administrative Leiter, betonte gegenüber dem Personal, dass es sich nicht um einen Ersatz für ihre Arbeit handele: «Die KI hilft lediglich bei der Bestellplanung. Der menschliche Faktor bleibt wichtig im Verkauf.»
Linda Jenner, Filialleiterin in Laufenburg, sieht die Software als wertvolles Hilfsmittel. Trotz der Digitalisierung glaubt sie nicht, dass ihre Rolle durch die KI überflüssig wird: «Die Kontrolle und das menschliche Element im Verkauf bleiben unverzichtbar.»
Nach drei Monaten zieht Giess eine positive Bilanz: Der Foodwaste nimmt ab und Umsätze sind stabil oder steigen, da die KI auch auf beliebte Produkte hinweist. Trotzdem arbeiten sie kontinuierlich an der Verbesserung der Prognosen. Er betont: «Die Kritik und Anpassung durch Personal bleibt notwendig – die KI ist eine Unterstützung, kein Ersatz.»