Die Hinwendung zu kleineren, flexibleren Kernreaktoren markiert einen Paradigmenwechsel in der Energiepolitik Europas. Ursula von der Leyen räumte am Weltgipfel für Kernenergie in Paris ein, dass die Abkehr von der Atomkraft in Europa strategisch fehlgeleitet war. Sie kündigte eine Förderung neuer Kernreaktoren an und stellte 200 Millionen Euro zur Risikominderung für Investoren bereit.
Als Pioniere dieser Renaissance sollen kleine, modular produzierbare Reaktoren dienen, die in Fabriken hergestellt werden können. Diese Reaktoren besitzen eine elektrische Leistung von 50 bis 300 Megawatt und sind somit deutlich kleiner als heutige Kernkraftwerke mit über 1000 Megawatt. Die Kerntechnikerin Annalisa Manera von der ETH Zürich betont, dass diese Reaktoren zwar nicht die Strompreise senken, aber für Investoren ein geringeres Risiko darstellen.
Der Kernphysiker Andreas Pautz vom Paul Scherrer Institut erläutert, dass sich in den 1980er Jahren wegen der Economy of scale große Anlagen besser gegenüber Kohle und Gas durchsetzen konnten. Heute stellen Wind- und Sonnenenergie die Hauptkonkurrenten dar, deren Produktion jedoch wetterabhängig schwankt. Daher wird Flexibilität in der Stromproduktion immer wichtiger.
Die EU plant, diese Reaktoren Anfang der 2030er Jahre einzuführen. Obwohl viele Firmen Pläne entwickelt haben, sind bisher nur Russland und China erfolgreich gewesen. Am einfachsten zu realisieren seien wassergekühlte Reaktoren der dritten Generation, deren Prinzip dem eines Wasserkochers ähnelt. Der BWRX-300 der Firma GE Vernova Hitachi ist ein vielversprechendes Modell.
Ein erstes solches Projekt wird in Ontario, Kanada, realisiert und soll 2030 starten. Sollte es erfolgreich sein, könnte diese Technologie auch für Europa attraktiv werden, insbesondere für Länder wie Polen. Rolls-Royce arbeitet an einem Druckwasserreaktor mit 470 Megawatt Leistung und hat kürzlich einen Vertrag zur Entwicklung neuer Kernkraftwerke in Wylfa, Nordwales, abgeschlossen.
Obwohl kleinere Reaktoren weniger kapitalintensiv sind, bleiben ihre Vorteile begrenzt. Sie produzieren ähnliche Mengen an Atommüll wie größere Anlagen und bieten keine wesentlichen Sicherheitsvorteile. Langfristig könnte die vierte Generation von Reaktoren mit innovativen Konzepten wie gas- oder metallgekühlten Systemen einen echten Mehrwert bieten.
Diese Technologien bringen Herausforderungen mit sich, da geschmolzenes Salz korrosiv ist und flüssiges Natrium leicht entflammbar. Dennoch gibt es technische Lösungen, die in Ländern wie Russland, China und Indien angewendet werden. Die Firma Terra Power will diese Technologie mit einem neuen Reaktorprojekt in den USA voranbringen.
In Europa wird eine Industrie-Allianz gegründet, um die Entwicklung kleiner modulare Reaktoren zu steuern. Während der Energiekrise wächst das Interesse an dezentralen Stromquellen, was diese Reaktoren attraktiv macht. Manera glaubt jedoch nicht, dass sie eine universelle Lösung darstellen und prognostiziert, dass große Kernkraftwerke weiterhin dominieren werden.