Das amerikanische Nationalarchiv in Washington hat eine digitalisierte Version der NSDAP-Mitgliederkartei online gestellt, was Sybille Steinbacher, Direktorin des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt, zu folgender Einschätzung veranlasste: “Die Mitgliedschaft allein sagt wenig aus.” Diese Datenbank enthält mehr als 16 Millionen Datensätze und ist für jedermann zugänglich. Bis vor kurzem mussten Interessierte beim Bundesarchiv in Berlin nachfragen. Steinbacher äußerte sich erstaunt über die amerikanische Entscheidung, diese Daten online zu stellen, obwohl in Deutschland gesetzliche Fristen gelten: zehn Jahre nach dem Tod einer Person oder 100 Jahre nach der Geburt. Die Kartei war bereits seit Jahrzehnten für Wissenschaftler zugänglich, die Sensation lag in den neunziger Jahren bei ihrer Öffnung durch das Berlin Document Center. Die Karteikarten enthalten nur grundlegende Informationen wie Namen, Geburtsdaten und Parteimitgliedsnummern. Laut Steinbacher reichen diese Angaben kaum aus, um Rückschlüsse auf das Verhalten einer Person während des Nationalsozialismus zu ziehen. Kontext ist entscheidend, da auch Personen in Organisationen wie NSKK oder der NS-Volkswohlfahrt politische Zuverlässigkeit signalisieren konnten. Ein Beispiel aus der Kartei zeigt einen Lehrer, dessen Entscheidung zur Adoption seiner Kinder zu seinem Ausschluss aus der Partei führte. Dies verdeutlicht, dass Mitgliedschaftsdaten allein nicht immer aussagekräftig sind. Die Kartei illustriert auch das organisatorische Geschick der NSDAP, die ihre Mitgliederzahl streng regelte. Die Online-Stellung der Kartei hat bei vielen Familien zu Neugier über die NS-Vergangenheit ihrer Vorfahren geführt. Steinbacher rät dazu, neugierig und gründlich zu recherchieren, um ein vollständigeres Bild zu erhalten. Das Sammeln zusätzlicher Quellen wie Briefe oder Tagebücher kann helfen, das Leben der Vorfahren im Kontext des Nationalsozialismus besser zu verstehen.