Das Verteidigungsministerium hat einen umfassenden Umbau der Reservekräfte angekündigt, wobei die Frage im Raum steht, ob diese Veränderungen in der Praxis durchführbar sind. Die Bundeswehr will ihre Reserve von einer bisher ergänzenden Einheit zu einem festen Bestandteil der nationalen Verteidigung ausbauen, wie es in der neuen “Strategie der Reserve” heißt, die der NZZ vorliegt.
Diese Neuausrichtung ist eine Reaktion auf die wachsende Bedeutung der Landes- und Bündnisverteidigung für Deutschland und seine NATO-Partner. Im Ernstfall reicht die aktive Truppe nicht aus; es bedarf einer großen Zahl zusätzlicher Unterstützungskräfte, die schnell einsetzbar sind.
Bis 2029 sollen bis zu 140.000 Reservisten fest in die Planung integriert werden und bis 2033 soll ihre Zahl mindestens 200.000 erreichen. Diese Personen sind dann nicht nur namentlich erfasst, sondern konkreten Aufgaben zugeordnet und üben regelmäßig. Derzeit gilt das für lediglich 28.695 Reservisten.
Der angestrebte militärische Gesamtumfang im Verteidigungsfall liegt bis zu 460.000 Soldatinnen und Soldaten, was ohne eine deutliche Verstärkung der Reserve nicht erreicht werden kann. Bürger, die ihren freiwilligen Wehrdienst abgeschlossen haben und weder Berufs- noch Zeitsoldaten werden, sollen automatisch in die Reserve übergehen.
Dieses ambitionierte Vorhaben wirft praktische Fragen auf: Woher stammen genügend Ausbilder? Wie häufig können Reservisten realistisch trainieren? Welche Betriebe unterstützen längere Abwesenheiten ihrer Mitarbeiter? Und wie lässt sich die Geschwindigkeit der Prozesse erhöhen, die heute als langsam gelten?
Derzeit sind Reservisten nicht regelmäßig in Übungen eingebunden und wurden oft nicht vollständig in die aktive Truppe integriert. Der Präsident des Reservistenverbandes, Patrick Sensburg, kritisierte zuletzt, dass Anmeldungsprozesse für Interessierte zu langsam seien und die Betreuung der freiwilligen Reservisten erhebliche Mängel aufweise.
Die neue Reserve soll anders funktionieren: Regelmäßige Übungseinsätze sollen gemeinsam mit der aktiven Truppe stattfinden, und Reservisten sollen von Anfang an in militärische Planungen einbezogen werden. Ihr Aufgabenspektrum wird breiter angelegt, von der Sicherung militärischer Einrichtungen bis hin zu Einsätzen in intensiven Gefechten.
Bis spätestens 2027 will das BMVg die rechtlichen Voraussetzungen schaffen, sodass Reservisten sowohl im Frieden als auch in Krisenzeiten und im Krieg eingesetzt werden können. Gleichzeitig soll bis 2027 die digitale Aufstellung der Reserve verbessert werden.
Arbeitgeber spielen eine entscheidende Rolle: Unternehmen müssen die Abwesenheit ihrer Mitarbeiter für Übungen oder Einsätze mittragen, besonders wenn sie selbst sicherheitsrelevant sind. Die Bundeswehr prüft daher Anreize für Soldaten und Arbeitgeber, wobei unklar ist, was dies konkret bedeuten soll.
Das Verteidigungsministerium setzt zudem auf eine bessere Kommunikation, sowohl intern als auch extern. Eine zentrale Anlaufstelle für Informationen zur Reserve ist bis Ende 2026 geplant. Das Problem: Viele wissen nicht genau, wie man in die Reserve kommt oder welche Aufgaben sie erfüllt.
Neben der Bindung ehemaliger Soldaten will das Ministerium auch neue Gruppen anwerben, darunter Menschen ohne militärische Erfahrung. Die Strategie verspricht klarere Karrierewege und schnellere Verfahren, wobei zivile Fähigkeiten stärker berücksichtigt werden sollen.
Die Bundeswehr braucht vielfältige Fachkräfte wie Mediziner, IT-Fachleute oder Fahrer. Flexiblere Altersgrenzen könnten helfen, diese Ziele zu erreichen. Auch wenn das BMVg solche Maßnahmen seit Jahren ankündigt, wurden bisher kaum Fortschritte erzielt.
Die Strategie verspricht flexible und planbare Ausbildungsangebote in einzelnen Abschnitten, wie genau dies umgesetzt werden soll, bleibt offen. Für den Sommer kündigte der Verteidigungsminister Boris Pistorius ein Gesetz zur Stärkung der Reserve an. Doch dieses wäre nur ein Teil eines umfassenderen Plans.