Mascha, neun Jahre alt, strahlt über das ganze Gesicht und erklärt fröhlich: «Im Pausenraum rennen wir herum, sind laut. Manchmal tanzen wir wild, bis die Lehrerin uns zur Ordnung ruft.» Ihre Klassenkameraden kichern mit ihr. Die Schule, in der Mascha lernt, befindet sich sieben Meter unter der Erde in einem neu errichteten Bunker. Ausgestattet ist dieser mit allem Nötigen für den Schulbetrieb: Klassenzimmer, eine kleine Cafeteria und ausreichend Platz zum Spielen während der Pausen. Nur rund 20 Kilometer entfernt von Charkiws Stadtgrenze steht die russische Armee im Einsatz. Die Stadt wird regelmäßig angegriffen; viele Schulgebäude sind durch Bombardements beschädigt oder zerstört worden. Über Jahre hinweg mussten Kinder wie Mascha aufgrund der Kriegshandlungen Fernunterricht absolvieren, saßen vor dem Bildschirm und nahmen den Kontakt zu ihren Mitschülern nur digital wahr. Um die Kinder wieder ins Klassenzimmer zurückzuholen, hat die Stadtverwaltung mehrere Bunkerschulen errichten lassen. In Charkiw leben rund 55’000 schulpflichtige Kinder; viele von ihnen besuchen nun den Unterricht in diesen unterirdischen Schulen. Olga Vyljanska, die stolze Vizedirektorin der Schule, betont: «Die Kinder erhalten hier trotz widriger Umstände eine vollumfängliche Ausbildung.» Im Stundenplan einer vierten Klasse stehen heute Mathematik und Ukrainisch. Das Klassenzimmer sieht aus wie jedes andere: Tische sind in Reihen aufgestellt, die Wände bunt gestrichen, mit einer großen Wandtafel vorne. Fenster fehlen allerdings. Die Lehrerin Olena Martinowa, eine langjährige Schultreuhänderin von über vier Jahrzehnten, hat sich schnell an den unterirdischen Unterricht gewöhnt: «Wenn ich die klugen Gesichter meiner Schüler sehe und ihr Lachen höre, vergesse ich all das Unruhige oben.» Sie zeigt zur Decke, wo fast täglich russische Kampfdrohnen über der Stadt fliegen. Valeria, eine Mitschülerin Maschas, ist ebenfalls glücklich in der Bunkerschule: «Ich mag die Schule und finde es wichtig zu lernen. Doch noch wichtiger ist es für mich, meine Freunde hier zu sehen», sagt sie mit einem herzhaften Lachen. Die Untergrundschulen von Charkiw sind ein Zeichen dafür, dass man trotz des anhaltenden Krieges versucht, so normal wie möglich weiterzuleben. Dieser Konflikt dauert schon lange und könnte noch eine Weile andauern.