«Ihr schnappt euch ein Auto und haut einfach ab» – lautet die Nachricht eines Kriminellen, gesendet über Snapchat an seinen jungen Komplizen. Dieser sollte mehrere Luxusautos aus einer Garage entwenden. «Ich fahre nicht, ich kann das nicht. Nur der Pariser kann fahren! Und der 14-Jährige? Ich glaube kaum, dass er fahren kann», antwortet der Jugendliche dem unbekannten Kopf des kriminellen Netzwerks.
Diese Informationen wurden vom Bundesamt für Polizei (Fedpol) an das Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS) weitergeleitet. Die Jugendlichen werden per Social Media von außerhalb der Schweiz dirigiert, oft handelt es sich um Minderjährige ohne Führerausweis. Hinter diesen kriminellen Aktionen stehen meist Organisationen aus den Vororten großer französischer Städte.
Im Kanton Waadt fanden 2025 drei Unfälle mit gestohlenen Autos statt, die von Jugendlichen gefahren wurden. Zu Jahresbeginn erschoss ein Grenzwächter einen Verdächtigen, als in der Region Basel drei gestohlene Fahrzeuge angehalten wurden.
Vincent Bürgy vom Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) beschreibt das System als «crime as a service» – Kriminalität als Dienstleistung. In diesem Modell bieten kriminelle Gruppen Werkzeuge und Dienste an, ähnlich einem Unternehmen: Einige rekrutieren, andere übernehmen die Logistik, und wieder andere verkaufen die gestohlenen Fahrzeuge weiter.
Die jungen Diebe erhalten zwischen 3000 und 4000 Euro pro Auftrag. Sie werden online angeworben, kennen weder ihre Mittäter noch die Hintermänner. Das Netzwerk besteht aus einem Logistiker für die Einsatzkoordination, Technikerinnen zur Deaktivierung von GPS-Trackern und Sicherheitssystemen sowie einem Auftraggeber, der das Netzwerk leitet. Die gestohlenen Fahrzeuge sind für den Export bestimmt.
Ein Autohändler aus der Genferseeregion berichtet von wiederholten Vorfällen: Die Garagen von Autocorner Audi in Lutry und Sitten waren 2025 zweimal Ziel von Diebstählen. Im Mai wurde ein Occasionsfahrzeug mit einem Neuwert von 240’000 Franken entwendet.
«Sie haben tagsüber die Schlüssel gestohlen und sind in der Nacht zurückgekommen, um das Auto zu nehmen», erklärt Julien Oberson, Verantwortlicher für Occasionen bei Autocorner. Das Fahrzeug war mit einem Ortungssystem ausgestattet, das von den Tätern zunächst nicht gefunden wurde. Der Vorbesitzer konnte die Positionsdaten mehrere Tage nach dem Diebstahl an die Polizei weitergeben; das Auto befand sich bereits auf einem Containerschiff und außerhalb der Schweiz – vor Lagos in Westafrika.
Europol bestätigt, dass viele gestohlene Luxusfahrzeuge in diese Region gelangen. Sie passieren die Häfen von Lagos (Nigeria) oder Tema (Ghana), wichtige Umschlagplätze für Hehlerware. Das bei Autocorner gestohlene Auto wurde nie aufgefunden.
Laut Polizei wurden seit Januar 2025 über 270 Luxusautos in der Schweiz gestohlen – fast vier pro Woche.