Der zurückgetretene ungarische Ministerpräsident Viktor Orban war in Europa als einer der engsten Verbündete Russlands bekannt. Was dies für Moskau bedeutet, nachdem Budapest eine neue Politik verfolgt, erläutert SRF-Russland-Korrespondent Calum MacKenzie.
Calum MacKenzie ist der Russland-Korrespondent von Radio SRF und hat Osteuropa-Studien in Bern, Zürich und Moskau absolviert. Vor der Wahl prognostizierten staatstreue Medien einen engen Ausgang, nun jedoch berichten sie von einer erwarteten Niederlage Orbans zugunsten von Peter Magyar. Trotzdem betonen sie die tiefe Spaltung Ungarns und prophezeien eine politische Krise. Solche Berichte erscheinen als Versuche, das für Russland desaströse Wahlergebnis zu relativieren.
Orban galt als ein Schlüsselverbündeter Moskaus. Dass seine enge Verbindung zu Russland zur Abwahl beigetragen haben könnte, bleibt in russischen Medien unerwähnt. Interessanterweise wird das klare Wahlergebnis nicht angezweifelt – wahrscheinlich aufgrund seiner Deutlichkeit.
Zunächst wird behauptet, die EU habe zugunsten von Magyar interveniert. Doch viele russische Zeitungen erkennen an, dass sich Ungarn nach einer 16-jährigen Orban-Regierung einen Wechsel wünschte – eine Begründung, die im Gegensatz zur langen Amtszeit Putins steht und auf Unvorbereitetheit auf Orbans Niederlage schließen lässt. Weiterhin heißt es, das Ergebnis widerlege russische Einmischung, obwohl Hinweise auf Desinformationskampagnen russischer Netzwerke existieren.
Orban trug maßgeblich zum russischen Einfluss in der EU bei, indem er Sanktionen gegen Russland blockierte oder die Unterstützung für die Ukraine verhinderte. Seine Begründung: das sei im Interesse Ungarns. Doch es ist bekannt, dass Orban direkt mit Moskau kommunizierte – etwa durch Telefongespräche des ungarischen Außenministers mit seinem russischen Amtskollegen Sergei Lawrow während EU-Gesprächen.
Peter Magyar gilt als prinzipiell pro-europäisch. Einige russische Medien zeigen sich optimistisch, dass er nicht vollständig von Russland abrücken werde und die Ukraine kaum unterstützen könne. Der Kreml scheint jedoch weniger zuversichtlich; Putin gratulierte Magyar nicht zum Wahlsieg. Putins Sprecher begründete dies damit, Ungarn sei ein “unfreundliches Land”, eine Bezeichnung für EU-Staaten unter Sanktionen gegen Russland. Wäre Orban geblieben, hätte ihm Putin wahrscheinlich gratuliert – nun scheint Moskau es als Zeitverschwendung zu betrachten, auf Magyar zuzugehen.
Dennoch wird Moskau auch ohne Orban weiter versuchen, die EU zu spalten. Es verfügt über andere regierungsfreundliche Partner wie in der Slowakei, konnte aber bislang oft im Schatten Orbans agieren. Die Spaltungsstrategie könnte für Russland nun schwieriger werden.