Lisa Catenacombiniert scharfe politische Analyse mit feinem Humor. Als Berner Satirikerin, Moderatorin und Musikerin spricht sie regelmäßig auch zu Themen wie Künstliche Intelligenz und Digitalisierung. Ihre Methode gegen die Überforderung durch globale Krisen ist Weltflucht oder besser: Eskapismus. Dies bedeutet nicht physisches Auswandern, sondern das innere Kündigen – sich von Krieg, Klima, Social Media, Wasserknappheit und anderen globalen Themen zu distanzieren. Stattdessen rückt die eigene kleine Welt in den Mittelpunkt: Geranien gießen statt Nachrichten schauen oder Sauerteigbrot backen anstatt Schlagzeilen lesen – und schon vergisst man, was Putin macht oder ob Trump noch Präsident ist.
Ich praktiziere diesen Ansatz selbst. Meine Fragen beschränken sich auf das Essen, Spaziergänge und Filme, während alles jenseits meines kleinen Universums in Vergessenheit gerät. Gaza erinnert mich nun an ein Medizinprodukt, die Krim an eine Tomate und bei Afghanistan denke ich nur noch an Zigaretten.
Dies mag zunächst asozial erscheinen, doch ist es tief schweizerisch. Als der Iran-Krieg begann, richtete sich die Aufmerksamkeit nicht auf die Opfer oder die instabile Weltlage, sondern auf SRF-Moderator Stefan Büsser, der in Abu Dhabi feststeckte. Die Schweiz erwog sogar die Reaktivierung von Altbundesrat Merz, um zumindest Büssers Koffer zurückzuholen – ähnlich wie in der Libyen-Affäre.
Sobald Büsser zurück war, konnten wir uns wieder auf die wahren Tragödien des Konflikts konzentrieren: Benzinpreise stiegen, Kerosin wurde teurer und Flüge nach Thailand verlängerten sich. Ein echter Skandal!
Eskapismus zeigt sich besonders schön beim Thema Aromat: Der US-Präsident bedroht die Weltwirtschaft mit Kriegen – und wir sorgen uns um den möglichen Verkauf von Knorr ins Ausland. Sofort entstand eine Petition – Landesverteidigung in Gewürzpulverform!
Auch innenpolitisch ist Eskapismus wirksam: Zürich debattiert über eine Velospur und ein Werbeverbot, Bern wird nervös wegen des Autobahnanschlusses Wankdorf und in Meiringen eskaliert der Streit um den Fluglärm der F-35. Bei der Landesverteidigung interessieren uns lediglich die Grenzwerte.
Eskapismus ist also kein persönliches Manko, sondern ein politisches Erfolgsmodell. Zwischen Iran, Ukraine und Zürcher Velowegen beweist die Schweiz ihre große Stärke: Präzise Verdrängung.
Bissig unterhaltender Wochenrückblick in der satirischen Radio-Kolumne «Zytlupe». In dieser Sendung analysieren markante Stimmen die Politikwoche ungefiltert und ungeniert. Alle Artikel von «Zytlupe» finden Sie hier.
SRF 1, Zytlupe, 18.4.2026, 13:00 Uhr