Alice Schwarzer, feministische Ikone und Kämpferin für Frauenrechte, tritt mittlerweile eingerahmt von Bodyguards auf, um ihr Lebenswerk zu verteidigen. Sie spricht über einen Generationenkonflikt zwischen sich und ihren jüngeren Gegnerinnen. Zu Beginn ihrer Lesungen wird deutlich, wie alt die 83-Jährige geworden ist. Mal hilft eine Moderatorin bei den Treppen zur Bühne, mal ein Bodyguard. Doch sobald sie sich niedergelassen hat, vergisst man ihr Alter. In Leipzig hielt Schwarzer mit Witz und Angriffslust das Publikum in ihren Sälen fest. Besonders ältere Frauen fanden sich dort ein, begleitet von jüngeren Personen. Das Buchmesse-Wochenende war für Schwarzer anstrengend, da sie Fragen nach ihrem Lebenswerk beantworten musste. «Das ist mir wirklich egal, mein Lebenswerk!», sagt sie mit Humor. Sie lebt im Hier und Jetzt, ohne sich auf ihre Vergangenheit auszuruhen. Ihr neues Buch «Feminismus pur. 99 Worte» richtet sich an jüngere Leserinnen und bietet eine selbstkritische Sicht auf Themen wie Gendern. Schwarzer hat in den letzten fünfzig Jahren die Debatten um Abtreibung, Vergewaltigung in der Ehe und Prostitution maßgeblich geprägt. Heute ist sie ein Lieblingsziel von Kritik aus Teilen der feministischen Bewegung, insbesondere von queerer Seite. Diese sieht Geschlecht als fluide Kategorie und kritisiert Schwarzer für ihre Ansichten. In Leipzig waren Proteste zu erwarten, wie es in Hamburg vor kurzem schon geschehen war. Vor ihren Auftritten veröffentlichte Schwarzer ein Editorial in «Emma», das Störungen vorwegnahm. Sie verteidigte sich gegen den Vorwurf eines binären Geschlechterbildes und erklärte ihre Unterstützung für Transsexuelle seit 1983. Im Dialog mit jüngeren Feministinnen zeigt sich, dass Schwarzer in den 1970er Jahren selbst Bühnen gestürmt hatte. Heute aber zielen Proteste darauf ab, Redefreiheit zu unterbinden – ein Phänomen, dem sie entgegentritt. Der Konflikt zwischen Schwarzers Feminismus und ihren Kritikern wird oft als Generationenkonflikt dargestellt. Doch Schwarzer selbst sieht die Bruchlinie anders. Ihre Gegner werfen ihr Islamophobie oder Transfeindlichkeit vor, was schwer abzuschütteln ist. Trotz scharfer Formulierungen zeigt sich Schwarzer offen für andere Sichtweisen und revidiert ihre Meinung, wie bei ihrer Einschätzung der Rapperin Ikkimel. Sie übersieht jedoch manchmal die Realität, etwa in aussenpolitischen Fragen. Im Gegensatz zu vielen jüngeren Feministinnen zeigt Schwarzer Erfahrungsoffenheit und die Bereitschaft zuzugeben, dass sie irren könnte. Diese Haltung unterscheidet sie von ihren Kritikerinnen, deren Abneigung gegen materielle Geschlechterdimensionen den Generationenkonflikt verdeutlicht.