Vor 250 Jahren entstanden die Vereinigten Staaten von Amerika. Wie viele Missverständnisse gibt es über ihre Geschichte? Und warum ist das Land heute so tief gespalten – Donald Trump nicht als Unfall, sondern Symptom der Demokratie? Ein Gespräch zum Jubiläum der „auserwählten Nation“. Manfred Berg, Historiker für amerikanische Geschichte und Professor in Heidelberg, hat kürzlich neue Eindrücke aus den USA mitgebracht. Er beruhigt: „Die USA sind noch kein Polizeistaat, aber die liberale Demokratie steckt in einer akuten Krise.“ Bergs neues Buch „Amerikas Demokratie: eine kurze Geschichte von der Unabhängigkeit bis Donald Trump“ erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem das Land sein 250. Gründungsjubiläum feiert und sich kritisch mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt. Der Historiker hebt hervor, dass die Checks and Balances in der Verfassung nicht immer funktionsfähig waren. Der Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 sei ein Beispiel für den Zusammenbruch dieses Systems – eine Katastrophe mit Parallelen zur heutigen Polarisierung. Gewalt, Wahlbetrug und politische Tricks gehören laut Berg seit jeher zur amerikanischen Demokratie. Er betont die höhere Akzeptanz staatlicher Gewaltsamkeit im Vergleich zu westeuropäischen Ländern, was sich in den Waffengesetzen widerspiegelt. Die Unabhängigkeit der USA von Großbritannien war geprägt von inneren Konflikten und blutigen Auseinandersetzungen zwischen Patrioten und Loyalisten. Die Unabhängigkeitserklärung, obwohl mit universellen Rechten behauptet, war kein echter Demokratieaufruf, sondern eine Selbstregierung für weiße Männer. Die Sklaverei stellte einen fundamentalen Widerspruch zu den freiheitlichen Idealen dar. Trotz der Kritik von Zeitgenossen und Gegnern blieb die „Herrenvolk-Demokratie“ lange bestehen, wobei ökonomische Interessen oft im Vordergrund standen. Die amerikanische Verfassung ist als Meisterwerk betrachtet worden, doch ihre Reformierbarkeit bleibt herausfordernd. Der starre Prozess zur Änderung der Verfassung hat die Macht des Präsidenten wachsen lassen, was zu einer „imperialen Präsidentschaft“ führt. Der Supreme Court spielt eine entscheidende Rolle bei der Auslegung der Verfassung, was seine Politisierung verstärkt. Die amerikanischen Parteien haben sich im Laufe der Zeit gewandelt, und die Zeiten eines liberalen Konsens sind vorbei, besonders nach den Bürgerrechtsbewegungen der 1960er Jahre. Die Rassenkonflikte in den USA waren nie einfach zu lösen. Der gesellschaftliche Wandel brachte neue Herausforderungen mit sich, insbesondere für diejenigen, die sich als Verlierer dieser Entwicklungen sahen.