Der Regierungsrat von Bern setzt sich dafür ein, die Qualität von Spermien junger Männer auf nationaler Ebene systematisch zu erfassen. Dies soll durch Annahme einer überparteilichen Motion des Grossen Rates als Postulat geschehen. Romeo Arnold (GLP) und Unterzeichner aus den Parteien der Grünen, SVP, SP, EVP, EDU und GLP fordern einen entsprechenden Bericht im Kanton Bern. “Da auf nationaler Ebene keine Maßnahmen ergriffen werden, müssen wir kantonal tätig werden”, erklärt Arnold. Der Regierungsrat sieht die Sinnhaftigkeit eines Berichts nur in der Analyse großer Datenmengen und plädiert für eine schweizweite, koordinierte Erhebung.
Forschungsergebnisse zeigen seit Jahren einen Rückgang der Qualität und Anzahl von Samenzellen in Europa, Nordamerika und Australien. In der Schweiz haben zwei Drittel der Männer eine suboptimale Spermaqualität, die nicht alle WHO-Kriterien erfüllt. Eine Untersuchung der Rekruten im Jahr 2019 ergab zudem, dass jeder sechste junge Mann so wenige Spermien aufweist, dass eine natürliche Empfängnis erschwert ist. Eine weitere Auswertung aus dem Jahr 2025 offenbarte regionale Unterschiede; besonders tief war die Spermaqualität zwischen Bern und Thun.
Die Ursachen für diese unterschiedlichen Qualitätswerte sind noch ungeklärt, doch könnte ein Zusammenhang mit der Landwirtschaft und dort verwendeten Pestiziden bestehen. Männer aus landwirtschaftlich geprägten Gebieten zeigten eine niedrigere Spermaqualität im Vergleich zu jenen in Siedlungsgebieten. Um diese Stadt-Land-Unterschiede weiter zu untersuchen, fordern Studienautorinnen und Experten mehr Forschung.
Wichtige Qualitätskriterien für Sperma sind die Anzahl, Form sowie Beweglichkeit der Spermien. Sind diese Faktoren eingeschränkt, kann dies Unfruchtbarkeit bedeuten. Umweltbedingungen, Lebensstil (wie Rauchen oder Alkohol), genetische Einflüsse und mütterliche Faktoren beeinflussen die Spermaqualität. Auch Schwermetalle in Düngemitteln oder Hormone von Milchkühen könnten eine Rolle spielen.
Die Qualität des Samens gilt nicht nur als Fruchtbarkeitsindikator, sondern auch als Gesundheitsbarometer. Studien weisen darauf hin, dass Männer mit geringerer Spermienzahl ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen und Diabetes haben, so Rita Rahban von der Universität Genf.
Rita Rahban erklärt die politische Zurückhaltung bei Forschungsinitiativen: Langfristige Studien benötigen umfangreiche Planung, es fehlt an Finanzierung und Spermaqualität hat keine lebensbedrohliche Priorisierung. Ein nationaler oder internationaler Koordinationsansatz könnte jedoch großangelegte Studien ermöglichen. “Das Fachwissen ist vorhanden; was fehlt, ist der politische Wille”, so Rahban.
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) bezeichnete die Forschungsergebnisse von 2025 als alarmierend und erkannte die Fruchtbarkeit als öffentliches Gesundheitsproblem. Eine geplante nationale Gesundheitsstudie wurde aus Kostengründen gestrichen. “Seit unserer Stellungnahme im Oktober 2025 hat sich nichts Neues ergeben”, sagt das BAG.
Die Berner Motion schlägt vor, auch junge Frauen in zukünftige Studien miteinzubeziehen. Laut BAG gibt es generell wenige Studien zur weiblichen Fruchtbarkeit, da diese invasiver und schwieriger durchzuführen sind. Diese wird meist erst bei Kinderwunsch untersucht. Es gebe jedoch Hinweise auf eine Zunahme von Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane.